Lebensberichte

Traumatische Jugenderinnerungen

von Carina

Traumatische Erinnerungen

Wieder einmal hatte ich mich voller Angst und Grauen mit meiner Schäferhündin unter das Bett verkrochen. Nebenan im Zimmer wütete mein Vater und schlug brutal auf meine sturzbetrunkene Mutter ein, Muschel mit Perlebis sie blutend auf dem Fußboden lag. Die beiden stritten sich sehr oft. Einige Male hatte ich versucht dazwischenzugehen, was meinen Vater allerdings nur noch wütender machte. Der Lärm erreichte bei den ständigen Streitereien und Prügeleien ein solches Ausmaß, dass die Nachbarn bald unsere schreckliche Familiensituation wahrnahmen. Irgendwann schließlich schalteten sie die Polizei ein und erreichten so, dass mein Vater Hausverbot bekam. Da meine Mutter sehr oft betrunken war und mein Vater nicht mehr zu uns kommen durfte, ergab sich für mich eine traurige Konsequenz: Schon sehr früh im Leben musste ich allein zurechtkommen. Hinzu kam, dass mein fünf Jahre älterer Bruder immer seltener zu Hause war. Er hatte einen sehr guten Freund, zu dem er floh, so oft es nur eben ging. Die Mutter seines Freundes wusste um die Zustände bei uns zu Hause und ließ seine häufigen Besuche deswegen zu.
 
Nachdem ich als zweites Kind meiner unverheirateten Eltern geboren wurde, war meine gesamte Kindheit geprägt von der Alkoholabhängigkeit meiner Mutter und ihrer unseligen Beziehung zu meinem Vater. Einige gravierende Ereignisse aus meiner Kindheit haben sich mir unauslöschlich eingeprägt.
 
Als ich etwa fünf Jahre alt war, wurde meine Mutter mit einer Zwangseinweisung zu einer Alkohol-Entziehungskur verpflichtet. Praktisch über Nacht kam ich in ein Heim und konnte noch nicht einmal etwas Kleidung oder sonst irgendetwas für mich einpacken und mitnehmen. Ich habe schrecklich darunter gelitten, auf diese Weise woanders hinverfrachtet zu werden, und empfand es als sehr entwürdigend. Nachdem meine Mutter die Entziehungskur durchgestanden hatte, kam ich zu ihr zurück. Wir durften allerdings nicht mehr in unser altes Zuhause, sondern wurden einfach in einer anderen Wohnung untergebracht.

Unser neues »Zuhause« war eine kleine Wohnung in einer Siedlung, in der ausschließlich sozial schwache Familien lebten. Meine Mutter war über die neue Wohnsituation so enttäuscht, dass sie sofort wieder mit dem Trinken begann. Zu dieser Zeit fand sie sogar in der Nachbarschaft Gesellschaft beim Trinken. Dadurch wurde für mich alles noch viel schlimmer und komplizierter als bisher. Meine Mutter war nicht mehr in der Lage, den Haushalt zu führen, und konnte weder für sich selbst noch für mich sorgen. Es drehte sich einfach alles nur noch um das Verlangen nach Alkohol.

Verkehrte Welt

In dieser verkehrten Welt kochte nicht meine Mutter für mich, sondern ich begann mich für die Mahlzeiten verantwortlich zu fühlen. Nicht sie brachte mich abends ins Bett, sondern ich sorgte dafür, dass sie Schlaf bekam. Sehr oft geschah es, dass sie am Abend nicht nach Hause kam. Dann machte ich mich frustriert auf, um meine Mutter zu suchen und sie aus den Kneipen der Nachbarschaft nach Hause zu befördern. Das geschah manchmal auch mitten in der Nacht. Ich war natürlich mit dieser Situation völlig überfordert und verspürte insgeheim öfters den Wunsch, meine Mutter zu verlassen und in ein Heim oder zu Freunden zu ziehen. Doch meine damalige Sozialarbeiterin ermahnte mich, wenn ich mich bei ihr beklagte: »Du musst nun tapfer sein, denn wenn du jetzt von deiner Mutter weggehst, dann stirbt sie vielleicht, weil sie außer dir niemanden hat!« Ich war sehr enttäuscht über solche Ratschläge und fühlte mich oft leer, verraten und absolut alleingelassen.
 
Zu meinem Vater hatte ich aber immer noch regelmäßig Kontakt. Er besuchte uns oft, obwohl er das ja eigentlich nicht durfte, blieb dann allerdings nie lange bei uns, weil sonst die Gefahr bestand, dass es wieder zu handfesten Konflikten kam. Sehr bedauerlich fand ich, dass er meiner Mutter nie Hilfe angeboten hat.

Mein Vater war 25 Jahre älter als meine Mutter und schon einmal verheiratet gewesen. Seine erste Frau war gestorben. Aus dieser Ehe hatte er eine Tochter, die ihn allerdings überhaupt nicht leiden konnte. Sie ließ kein gutes Haar an ihm und in all den Jahren habe ich sie niemals etwas Positives über meinen Vater sagen hören. Ich dagegen hatte einen ganz anderen Eindruck von meinem Vater, liebte ihn sehr und fand, dass er ein toller Mann war. Wenn wir zusammen spazieren gingen, lief er oft mit mir um die Wette oder kletterte an Laternenmasten hoch, um dann mit voller Wucht wieder hinunterzurutschen.
 
Ich war unwahrscheinlich stolz auf meinen Papa, denn trotz seines hohen Alters – er wurde während des Ersten Weltkrieges geboren – war er total fit. Wenn er mich manchmal von der Schule abholte, riefen die Kinder meistens: »Dein Opa ist da!« Das verletzte mich immer sehr, denn ich fand, dass er überhaupt nicht alt aussah. Wenn ich mir allerdings heute die Fotos anschaue, dann muss ich zugeben, dass sie recht hatten …

In dieser Zeit wollte mein Bruder unbedingt einen Hund haben, aber mein Vater lehnte das total ab. Dennoch kaufte meine Mutter ihm einen Schäferhund. Mein Vater schimpfte und zeterte heftig, aber als mein Bruder am nächsten Morgen mit dem Hund spazieren gehen wollte, war mein Vater bereits mit ihm unterwegs. Von diesem Tag an waren mein Vater und der Hund unzertrennlich, sehr zum Leidwesen meines Bruders. Solche Widersprüchlichkeiten zeigten sich oft bei meinem Vater: erst schimpfen – und dann doch genießen. Diese Art mochte ich sehr an ihm. Unser Hund wurde schließlich auch für mich ein treuer Wegbegleiter.

Manchmal waren wir am Wochenende in einer Kneipe und mein Vater wollte unbedingt tanzen. Wenn er dann keinen Tanzpartner fand, nahm er sich einfach einen Stuhl als Partnerin. Das fand ich immer ganz besonders originell und ausgesprochen lustig. Oft hat er einfach ein paar alte Schlager angestimmt, sodass alle, welche die Lieder kannten, fröhlich mit ihm sangen. Es war herrlich anzusehen und anzuhören. Obwohl mein Vater sich bei uns nicht allzu oft blicken lassen durfte, war er sehr um mich bemüht und besorgt, wenn ich bei ihm war. Wenn ich ihn besuchte und ganz nass vom Regen zu ihm hereinkam, nahm er meine Schuhe, stopfte sie mit Zeitungspapier aus und trocknete sie vor dem brennenden Ofen. Ich sollte ja nicht krank werden oder mit diesen nassen Schuhen wieder nach Hause laufen. Abends, wenn er mich dann mit dem Hund nach Hause brachte, haben wir immer einen Weg eingeschlagen, der uns an einem Papagei vorbeiführte, der richtig sprechen konnte. Da blieben wir dann meistens eine Weile stehen, sprachen mit dem Vogel und lauschten gespannt seinen Antworten.
 
Mein Vater hasste es, dass wir mit dem Rauchen begannen, obwohl er selbst ein starker Raucher war. Mein Bruder wurde ganz zu Beginn seiner »Nikotin-Laufbahn« von meinem Vater beim Rauchen ertappt und drückte die Zigarette schnell in seiner Hand aus, um nicht erwischt zu werden sowie der drohenden Strafe zu entgehen. Obwohl Vater die Rauchwolke sah, hat er dennoch nichts dazu gesagt. Wahrscheinlich fand er, dass mein Bruder mit der Wunde schon genügend gestraft worden war.
 
Neben den vielen positiven Erinnerungen verblassten die schlimmen Dinge, die mein Vater getan hat – und heute denke ich meistens nicht mehr daran.

Schockierende Diagnosen

Als ich etwa neun Jahre alt war, konnte mein Vater plötzlich und unerwartet nicht mehr von seinem Sessel aufstehen, in dem er saß. Er wurde sofort ins Krankenhaus eingeliefert – dort wurde Krebs im Rückenmark festgestellt. Das war eine niederschmetternde Diagnose. Ich versuchte, ihn so oft wie möglich zu besuchen, aber schon bald ging es ihm so schlecht, dass er gar nicht mehr aufstehen konnte.
 
Etwa drei Monate nach der Einlieferung ins Krankenhaus starb mein Vater an diesem Krebsleiden. Das alles ging viel zu schnell für mich. Obwohl mein Vater in den Kneipen und bei Freunden die totale Stimmungskanone und sehr beliebt gewesen war, nahmen kaum Menschen an der Beerdigung teil. Außer meiner Mutter, meinem Bruder und mir war nur noch seine Tochter aus erster Ehe gekommen. Niemand sonst nahm Anteil – es war eine trostlose Veranstaltung. Das hat mich sehr geschockt. Besonders schlimm war es für mich, dass meine Halbschwester über den Tod unseres Vaters fast froh war. Obwohl ich für mein Alter schon ziemlich reif war, konnte ich das einfach nicht verstehen.

Durch seinen Tod war für mich wieder eine Welt zusammengebrochen und ich fühlte mich einmal mehr leer und alleingelassen. Denn obwohl mein Vater nie dauerhaft für mich da gewesen war, fehlte er mir doch sehr. In meinem Herzen blieb ein großes, schmerzendes Loch.
 
Seltsamerweise habe ich über die Herkunft meines Vaters fast nichts mehr in Erinnerung. Wir haben uns wahrscheinlich sehr selten darüber unterhalten. Er hat auch nie mit uns über seine Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg gesprochen. Von meiner Mutter weiß ich aber, dass sie sehr traurig aufgewachsen ist. Sie erlebte als Kind den Alptraum, aus Ostpreußen nach West-Deutschland in ein Mädchen-Wohnheim gebracht zu werden, weil ihr Vater nach dem Tod der Mutter noch einmal geheiratet hatte und die Stiefmutter sie einfach nicht bei sich haben wollte. Meine Mutter machte dann eine Ausbildung zur Köchin und arbeitete in einer Krankenhaus-Küche. Später bekam sie eine Stelle in der Küche eines Heimes, in dem sie gleichzeitig auch wohnte. Sie war eine hübsche, fröhliche, junge Frau und hatte mit den Freundinnen aus dem Heim eine ganze Menge Spaß, wenn sie gemeinsam zum Tanzen gingen. Bei einem dieser Ausflüge gab es dann die schicksalhafte Begegnung: Meine Mutter lernte meinen Vater in seiner Bar kennen. Sie bändelten miteinander an und nachdem sie eine feste Beziehung hatten, beendete meine Mutter die Arbeit in der Heimküche und arbeitete stattdessen in der Bar meines Vaters als Kellnerin mit. Während der Arbeit kam sie immer mehr mit Alkohol in Berührung, sodass es schließlich zu einer Abhängigkeit kam. Dennoch war meine Mutter bei allen sehr beliebt, sie war immer freundlich und gutmütig ihren Mitmenschen gegenüber.
 
Wenn Weihnachten vor der Tür stand und sie noch einigermaßen nüchtern war, backte sie ganz oft mit unseren Nachbars-Kindern leckere Plätzchen. Die Kinder begeisterte es sehr, dass sich eine erwachsene Frau so mit ihnen beschäftigte. Meine Mutter war sehr einfühlsam und sensibel, das zeigte sich bei ihr oft durch viele Tränen der Rührung. Wenn wir ihr zum Beispiel ein Geschenk machten, fing sie vor Freude an zu weinen. Als Kind habe ich das nie verstanden, aber seltsamerweise entdecke ich heute diese Charakterzüge sehr stark auch bei mir selbst. Ganz besonders toll fand ich meine Mutter, wenn sie mit mir getobt hat. Aber das kam leider eher selten vor.

Eine andere Qualität meiner Mutter war, dass sie aus den Resten im Kühlschrank ein wahres Festessen zelebrieren konnte. Das hat mich sehr beeindruckt – denn der Mangel an Lebensmitteln war bei uns an der Tagesordnung. Ich hatte sie trotz allem sehr, sehr lieb und suchte das ambivalente Verhalten meiner Mutter zu verarbeiten, indem ich in meiner Mutter zwei unterschiedliche Persönlichkeiten sah. Die eine Persönlichkeit war total vom Alkohol-Missbrauch geprägt, ablehnend, grausam und für mich unerreichbar. Die andere Persönlichkeit, die zum Vorschein kam, wenn sie nüchtern war, zeigte sich lieb, nett und freundlich. Denn wenn meine Mutter getrunken hatte, war sie total wesensverändert. Sie fand nie ein Maß und hatte dann alle Selbstbeherrschung verloren.

Weiter bergab …

Der andauernde Alkoholkonsum hatte am Ende auch organische Auswirkungen. Sie betrank sich oft so stark, dass sie die Kontrolle über ihre Gesichtsmuskeln verlor. Wenn ich sie dann in ihrem selbst verschuldeten Elend so anschaute und sah, wie ihre Lippen schlaff herunterhingen, dann packte mich eine unerklärliche Aggressivität. In diesen Phasen konnte ich immer besser verstehen, dass meinem Vater oft der Kragen geplatzt war und er meine Mutter brutal geschlagen hatte. Bei diesem Anblick reagierte auch ich schließlich mit Gewalt, um nicht innerlich daran zu zerbrechen. So kam es, dass ich meine Mutter oft schlug, obwohl ich sie so geliebt habe. Das tut mir heute noch so sehr leid. Oft lieferte ich mir mit meiner Mutter buchstäblich heftige Kämpfe um den Alkohol. Ich hatte die Angewohnheit, alle Alkoholvorräte meiner Mutter sofort in den Ausguss zu kippen, sobald ich sie fand. Dann wurde sie ihrerseits sauer auf mich, drohte und schimpfte, um ihren Alkohol zu retten.
 
Nach solchen Aktionen brauchte ich erst einmal Abstand und lief in ein nahe gelegenes Waldstück. Oft blieb ich bis spät in der Nacht draußen. Dort in der Einsamkeit fand ich ein wenig Ruhe und konnte für das nächste Mal Kraft tanken. Auf eine eigenartige Weise fand ich bei diesen einsamen Ausflügen Frieden.

In dieser Zeit wurden meine Leistungen in der Schule immer schlechter. Ich schlief sehr unregelmäßig und sah ziemlich mitgenommen aus. In der Schule war ich nie besonders gut gewesen und gab mir auch keine Mühe. Zum Schluss ging ich kaum noch hin. Aus heutiger Sicht ist es mir unbegreiflich, dass die Schule nicht auf mein Schwänzen reagiert hat. Bei meiner Mutter kamen keine Rückmeldungen aus der Schule an. Blaue Briefe oder schlechte Noten unterschrieb ich selbst. Die Schule war mir völlig egal geworden und hatte keinerlei Einflussmöglichkeiten mehr auf mich. Ich wollte mein Leben jetzt selbst in die Hand nehmen und das tun, was mir gefiel.

Hunger nach Liebe

Um mein Bedürfnis nach Liebe und Geborgenheit zu stillen, fing ich an, mir Freunde aus meiner Wohnsiedlung zu suchen. Das Erleben zu Hause hatte in mir den Vorsatz reifen lassen, unter keinen Umständen so zu enden wie meine Mutter. Ich war von ihrem Niedergang sehr abgestoßen und wollte völlig anders leben. Die Gründe für ihren Abstieg sah ich neben der frühen Trennung vom Elternhaus und dem Mangel an Liebe vor allem in dem schlechten Umgang, den sie pflegte, und ihrem Nachtleben in den Bars. Doch unbegreiflicherweise schlug ich genau den gleichen Weg ein und ging mit den neuen Freunden in die Kneipen und Discos. Außerdem fing ich immer wieder Beziehungen zu meist älteren Männern an.

Als ich ungefähr 12 Jahre alt war, begann ich schon offiziell zu rauchen – auch zu Hause. Meine Mutter hatte mir einfach nichts mehr zu sagen …

Da ich recht früh körperlich entwickelt war und viel älter aussah, als ich wirklich war, hatte ich keinerlei Probleme mit Altersbeschränkungen bei Kneipen und Discos. Ich bekam überall Zutritt, wo ich wollte. Doch die Wahrheit war, dass ich in meinem voll entwickelten Körper eine verletzliche, kleine und kindliche Persönlichkeit geblieben war. Deshalb brachte ich zunächst vielen Männern ein blindes Vertrauen entgegen. Zwischendurch hatte ich einen Freund, der fast doppelt so alt war wie ich. Wahrscheinlich sah ich in ihm einen Vater-Ersatz. Dass ein so reifer Mann sich für mich interessierte, machte mich sehr stolz und ich war ihm deshalb auch total ergeben.
 
Aber auch in dieser Beziehung nahm das Unheil seinen Lauf. Nach einem nächtlichen Ausflug gefiel ihm irgendetwas nicht und er fing an, mich zu schlagen. Zum Glück kam ich aus dieser Geschichte einigermaßen heil raus. Doch letzten Endes lernte ich leider aus diesen Erfahrungen nichts, sondern fiel immer wieder auf solche Männer herein. Ich konnte die Gefahren und Folgen meines Verhaltens in dieser Szene für mein späteres Leben nicht abschätzen.
 
Der Bruder dieses älteren Freundes, der mich geschlagen hatte, wollte schon lange eine Beziehung zu mir aufbauen und mich seinem Bruder ausspannen. Er versprach mir »das Blaue vom Himmel« und war überzeugt, dass er der bessere Mann für mich sei. Mir gelang es aber, ihn auf Distanz zu halten. Eines Nachts klopfte es an meinem Fenster im Erdgeschoss. Dann stand er vor meiner Tür, war offensichtlich angetrunken und überredete mich, ihn einzulassen. Statt »Nein« zu sagen und ihn zurückzuweisen, öffnete ich einfach die Tür. Dann jedoch wurde mir schnell klar, dass er an diesem Abend nicht gekommen war, um sich nur mit mir zu unterhalten. Er faselte viel dummes Zeug und versprach mir wieder alles Mögliche. Doch was dann geschah, fällt mir immer noch sehr schwer, in Worte zu fassen. Er nahm mich mit Gewalt, missbrauchte mich und ließ mich völlig zerstört zurück. Es war total schrecklich und entsetzlich demütigend.
 
Für die Geschehnisse in dieser Nacht gab ich mir aber selbst die Schuld. Hätte ich mich nicht so auffällig verhalten, wäre er gar nicht erst auf mich aufmerksam geworden. Außerdem hätte ich ihm ja nicht die Tür öffnen müssen. Natürlich erzählte ich niemandem etwas davon. Ich fühlte mich selber schuldig und wollte mich deshalb nicht beklagen. Eine ganze Zeit lang dachte ich, dass das alles normal wäre, und machte fröhlich mit meinem Kneipen- und Disco-Leben weiter. Aber es war nur eine Maske, eine äußere Fröhlichkeit, denn in meinem Innern spürte ich den Schmerz und die Leere und wollte einfach nur raus aus meinem Leben. Ich sehnte mich so sehr nach einem ganz normalen und gesunden Familienleben.
 
Meine Sehnsucht erfüllte sich aber nicht, stattdessen begann ich, die Männer zu hassen. Außerdem wünschte ich mir sehr, von dem Elend meiner Mutter wegzukommen und ihren Zerfall nicht länger mitansehen zu müssen. Ich wollte mit meinem alten Leben brechen und ein neues beginnen. Da es zu Hause immer unerträglicher wurde, stellte ich über meine Betreuerin beim Jugendamt den Antrag, in einem Heim wohnen zu dürfen. Das Jugendamt stimmte schließlich zu und so zog ich in ein katholisches Mädchen-Wohnheim. Obwohl es mir fast das Herz brach, meine Mutter allein zurückzulassen, freute ich mich doch über meinen bevorstehenden Neuanfang. Das alles geschah, bevor ich vierzehn Jahre alt war …

Im Heim

In dem Wohnheim wurde ich sehr freundlich aufgenommen. Das gemeinsame Leben mit den anderen Mädchen und den Erzieherinnen entsprach genau meinen Erwartungen. Es gab täglich warme Mahlzeiten und ich begann, wieder regelmäßig zur Schule zu gehen. Ich war mit einem anderen Mädchen gemeinsam in einem Zimmer untergebracht worden. Wir waren sehr verschieden – sie war eine totale Chaotin, während ich darauf bedacht war, meine Zimmerhälfte ordentlich zu halten. Wenn ich abends in meinem Bett lag, wanderten meine Gedanken oft zu meiner Mutter und dann wurde ich sehr traurig. Ihr Leben, ihr Elend und ihre Situation ging mir natürlich nicht aus dem Kopf. In den ersten Monaten bekam ich keinen richtigen Kontakt zu den Mädchen im Heim – ich war die »Neue« und viel zu brav, ja, geradezu schüchtern.
 
Die Mädchen dort, besonders solche, die schon lange im Heim waren, verhielten sich sehr aufsässig und absolut respektlos den Erzieherinnen gegenüber. Irgendwie war mir das nicht geheuer und machte mir Angst. Durch Spiel-Abende oder andere gemeinsame Aktivitäten, die mit allen durchgeführt wurden, lernte ich die Mädchen allmählich besser kennen und auch schätzen. Eine von ihnen wurde meine beste Freundin – wir wurden unzertrennlich. Diese Freundschaft hatte allerdings nicht den besten Einfluss auf mein Leben. Es kam immer mehr zu Schwierigkeiten und Konflikten mit der Heimleitung. Denn nun ging ich abends nicht mehr zeitig zu Bett, sondern überlistete die Erzieherinnen und schlich mich trotz des Verbotes während der Nachtruhe regelmäßig aus dem Heim. Gemeinsam suchten wir Discos und Kneipen auf und legten es darauf an, möglichst schnell einen Mann zu finden, der uns an diesem Abend die Drinks und Eintritte spendieren würde. Wir selbst hatten ja kein Geld, um den aufwendigen Lebensstil in den Kneipen zu finanzieren. Die größte Schwierigkeit bestand dann am Ende der Nacht darin, den Mann, der uns wahrscheinlich mit konkreten Erwartungen freigehalten hatte, wieder loszuwerden. Einmal brachten uns unsere »Verehrer« bis fast vor die Haustür des Mädchenheimes. Als wir uns davonstehlen wollten, wurden die Männer laut und machten Krawall. Schließlich gelang uns durch eine Bahnunterführung und die Kellertür die Flucht zurück ins Heim. Manchmal stahlen wir den Haustürschlüssel, um nach einer durchzechten Nacht einfacher ins Haus zu gelangen. Das alles konnte natürlich auf Dauer nicht vor den Erzieherinnen verborgen bleiben und wenn es wieder einmal entdeckt wurde, bekamen wir Ärger. Aber unsere Erzieherinnen waren oft auch sehr verständnisvoll und ließen uns manche Untat durchgehen.

Familien-Ersatz

Da meine familiäre Situation sehr desolat war, wurde ich vom Sozialamt einem Projekt der Caritas zugeteilt, das für sozial benachteiligte Kinder ins Leben gerufen worden war. Über die Sommerferien sollten diese Kinder zu Gastfamilien in die Schweiz kommen, um dort aufgepäppelt zu werden. Das erste Mal war ich im Alter von fünf Jahren bei einer Gastfamilie. Diese Familie hatte gerade ihre fünfjährige Tochter Carina durch eine schwere Krankheit verloren und wollte durch die Aufnahme eines Mädchens aus Deutschland versuchen, die Trauer über den eigenen Verlust besser zu bewältigen. Was muss es für diese Familie ein Schock gewesen sein, als ich ihnen zugeteilt wurde. Ein ebenfalls fünfjähriges Mädchen, sogar mit demselben Vornamen wie die eigene, gerade verstorbene Tochter. Es ist verständlich, dass sie es nicht übers Herz brachten, mich Carina zu nennen. So verpassten sie mir kurzerhand den Namen Kathrin.
 
Als ich das erste Mal in ihrer Wohnung war, sagte ich trotzig: »Hier esse ich nicht, hier schlafe ich nicht, hier bleibe ich nicht!« Doch dieses Ehepaar hat sich über zehn Jahre lang jeweils sechs Wochen in den Sommerferien ganz hingebungsvoll um mich gekümmert. Wir fuhren zusammen in Urlaub, besuchten Freibäder und waren jedes Jahr einige Wochen auf der Alm, wo sie eine kleine Almhütte hatten. Zu Beginn der Ferien erlebten sie immer eine kleine, bockige Kathrin, die erst durch viel Zuwendung und Liebe nach und nach zugänglicher wurde und auftaute. Das strukturierte Familienleben mit festen Essenszeiten, verbindlichen Terminen und Regeln kannte ich ja überhaupt nicht. Der Sohn der Familie ist mir für diese Zeit ein treuer Freund gewesen, den ich leider zu manchem Blödsinn angestiftet habe.

Schmerzlicher Verlust

Als ich mit 14 Jahren aus dem Urlaub bei meiner Gastfamilie in der Schweiz zurückkam, wartete ich bei der Ankunft des Busses vergeblich auf meine Mutter. Wir hatten verabredet, dass sie mich von der Haltestelle abholt, aber leider war sie nicht gekommen. Zunächst habe ich mir nicht viel dabei gedacht und ging allein zu ihrer Wohnung. Dort traf ich sie allerdings auch nicht an. Um etwas über den Verbleib meiner Mutter zu erfahren, suchte ich den katholischen Geistlichen unserer Siedlung auf. Er kümmerte sich ganz vorbildlich um die Familien und Kinder dieses Bereichs. Er teilte mir mit, dass meine Mutter ins Krankenhaus gebracht worden sei, und brachte mich umgehend in das Mädchen-Wohnheim. Dort versuchte ich herauszufinden, in welches der vielen Krankenhäuser meine Mutter eingeliefert wurde. Als ich es einige Zeit später endlich herausgefunden hatte, fuhr ich unverzüglich hin. Sie lag auf der Intensivstation und die Schwestern ließen mich nicht zu ihr. Von außen durfte ich durch eine Scheibe ganz kurz einen Blick auf sie werfen. Es war ein trauriger Anblick. Das ganze Elend und die tiefe Not hatten den Menschen gezeichnet, der dort im Krankenbett vor mir lag. Ich war erschüttert und furchtbar traurig über die Entwicklung und fuhr vollkommen verstört wieder ins Wohnheim. Meine Mutter war wegen des übermäßigen Alkoholkonsums zusammengebrochen und befand sich in einem lebensbedrohlichen Zustand.
 
Am nächsten Tag rief man vom Krankenhaus an und sagte, ich sollte so schnell wie möglich kommen. Da ich keine Fahrgelegenheit hatte, machte ich mich zu Fuß auf den Weg und lief die 2,5 km vom Heim bis zum Krankenhaus so schnell ich konnte. Was würde mich erwarten, welche Nachricht hätte man im Krankenhaus für mich?
 
Doch ich kam zu spät, meine Mutter war vor wenigen Minuten an den Folgen ihrer Alkohol-Abhängigkeit gestorben. Ich war schockiert, vollkommen fertig und heulte hemmungslos. Im Alter von 14 Jahren stand ich nun ganz allein da. Zukunftsängste quälten mich: Welche Perspektiven hatte ich noch für mein Leben, wenn nun auch meine Mutter – so schwierig es sich mit ihr auch erwies – für immer fortgegangen war? Ich brach zusammen und konnte nicht mehr.

Mein Bruder hatte sich sein Leben ganz gut eingerichtet und lebte mit seiner Freundin in einer schönen Wohnung in der Nähe. Wie aber sollte es für mich weitergehen? Die Krankenschwestern riefen meine Sozialarbeiterin an, die sofort kam, mich abholte und zum Heim begleitete. Die ersten Tage und Wochen nach dem Tod meiner Mutter verbrachte ich bei meinem Bruder und seiner Freundin. Das gab mir etwas Trost, denn ich konnte dieses schreckliche Erleben mit ihnen besprechen und dadurch besser verarbeiten. Die Nachfeier, die das Mädchen-Wohnheim nach der Beerdigung im Gedenken an meine Mutter ausrichtete, war für mich eine schreckliche Erfahrung. Die Alkohol-Probleme, die meiner Mutter den Tod gebracht hatten, wurden völlig ausgeblendet – im Gegenteil, meine Mutter wurde noch in den höchsten Tönen gelobt. Die ganze Hilflosigkeit der Menschen angesichts der Sucht und des Todes wurde überdeutlich. Niemand hatte ihr in ihrer Abhängigkeit helfen und dieses Unglück, diesen vorhersehbaren Tod abwenden können.

Beziehungen

In den Jahren zuvor hatte ich ja einige Beziehungen zu meist älteren Männern, die mir aber nichts bedeuteten. Dann lernte ich einen 19 Jahre alten Mann kennen. Ich liebte ihn und setzte große Erwartungen in diese Beziehung. Aber sie erwies sich als sehr kompliziert, da ich als junges, 14-jähriges Mädchen im Heim nicht immer alle Freiheiten hatte, die wir uns wünschten. Die Beziehung war nicht sehr stabil, es gab immer ein Auf und Ab. Die Fragen und Zweifel, die der Verlust meiner Eltern bei mir aufgeworfen hatte, wurden durch diese oder andere Beziehungen nicht beantwortet. Fragen nach dem Sinn des Lebens und nach Befreiung von dieser quälenden inneren Leere, die sich immer mehr in Form einer Depression in mir ausbreitete … Niemand konnte mir die Fragen beantworten oder mein Leben erklären.
 
Warum wurde gerade ich in dieses Leben hineingeboren und musste so viel mitmachen, während andere Menschen so viel bessere Umstände erlebten und scheinbar glücklich durchs Leben gingen? Wieso diese erbarmungslose Ungerechtigkeit? Warum ging es gerade mir so dreckig? Doch nach und nach verdrängte ich diese Fragen und stürzte mich wiederum ins Vergnügen, um mich abzulenken und mein Elend zu vergessen.
 
Ich war ständig darauf aus, die Anerkennung anderer Menschen zu gewinnen und dadurch Befriedigung zu erfahren, um meine innere Leere zu übertünchen. Dieses Verhaltensmuster verfestigte sich immer mehr und wuchs zu einer handfesten Sucht aus. Mein Ziel war es, den Männern zu gefallen, sie anzumachen und mit ihnen zu spielen. Ernsthafte Absichten hatte ich kaum noch. Es war ein gefährliches »Spiel mit dem Feuer« – ein Tanz am Abgrund. Ich legte es förmlich darauf an, Schlimmes zu erfahren, und war überaus unvorsichtig, gepaart mit einem guten Schuss Naivität. Doch anscheinend war da jemand, der auf mich aufpasste …

Carmen

Als ich 17 Jahre alt war, wurde uns von der Heimleitung angekündigt, dass eine Neue aufgenommen würde. Dieses Mädchen, Carmen, war durch ein hohes Maß an Brutalität und eine totale Überempfindlichkeit gekennzeichnet. Sie war als Kind regelmäßig von ihrem Vater missbraucht worden und hatte bereits etliche Selbstmord-Versuche hinter sich. Dieser besonders schwere Fall machte mich neugierig. Ich wollte unter allen Umständen mehr davon wissen und verspürte den Reiz, dieser Sache auf den Grund zu gehen. Als Carmen im Mädchen-Wohnheim ankam, sprach sie zuerst kein Wort mit uns. Sie machte einen eiskalten Eindruck und flößte uns wirklich Angst ein. Irgendwann allerdings hatten meine Versuche der Kontaktaufnahme Erfolg und wir kamen uns Schritt für Schritt näher. Carmen wurde schließlich Mitglied unserer Clique und unternahm mit uns einige Ausflüge in unsere Stammkneipen. Durch ihre Schwester, die voll auf Drogen war und sich viel mit okkulten Dingen beschäftigte, kam sie selbst auch an Drogen heran. Sie hatte keine Hemmungen, die weichen Drogen ins Heim zu schmuggeln. Unsere Clique hat dann an verschiedenen Abenden die Drogen auch ausprobiert. Alle nahmen von dem Zeug – nur ich saß dabei und habe nicht konsumiert. Ein nicht zu erklärender Widerstand und eine innere Abneigung hinderten mich daran, ebenfalls die Drogen auszuprobieren.
 
Bis heute frage ich mich, was oder vielleicht wer mich abgehalten hat. War es die Angst vor einer Abhängigkeit, die meine Mutter so zugrunde gerichtet hatte? Oder gab es sonst jemand, der Interesse an meinem Leben hatte und mich vor schlimmsten Folgen bewahren wollte? So schaute ich also den anderen zu, wie sie sich bekifften und zudröhnten, drehte ihnen Joints, lehnte selbst aber alle Angebote konsequent ab. Unsere Erzieherinnen kamen zu selten in unsere Zimmer, um von diesen Gelagen etwas mitzubekommen. Es war eine große Dreistigkeit, diese Sessions auf dem Zimmer abzuhalten, aber der Reiz des Verbotenen und des Gefährlichen stachelte uns immer weiter an. Es war ein spannendes Abenteuer, alles so zu arrangieren, dass wir nicht auffielen. Die anderen Mädchen im Heim trauten sich nicht, uns zu verpetzen, weil sie sich vor uns fürchteten. Wir fühlten uns in der bestehenden Hackordnung weit über ihnen, übten Macht aus und beherrschten die anderen Mädels, die scheu zu uns aufblickten. So genossen wir unsere Stellung und die Freiheit. Die Erzieherinnen hatten wir mit Schmeicheleien und Lügen eingewickelt, sodass wir ein großes Vertrauen genossen. Sie haben uns den ganzen Mist, den wir anstellten, einfach nicht zugetraut. Indem wir uns bei ihnen einschleimten, aufmerksam, nett und freundlich waren, hatten wir freie Bahn für unsere geheimen Aktivitäten.
 
Es war auf der anderen Seite aber auch nicht so, dass wir nur abgebrüht und falsch waren. Viele Mädels im Heim und auch in unserer Clique hatten quälende Fragen, da wir alle nicht auf der Sonnenseite des Lebens geboren und groß geworden waren. Jede von uns hatte ihr eigenes, trauriges Schicksal, ihre eigene, schmerzvolle Geschichte. Drogen, Missbrauch und Verluste hatten unser Leben geprägt und uns im Mädchen-Wohnheim zusammengeführt. Wenn wir über den Sinn unseres Lebens nachdachten, wurden wir regelmäßig sentimental oder frustriert. Wie gerne hätten wir ein anderes Leben gehabt, oder zumindest jetzt die Hoffnung auf ein besseres Leben. Aber es schien auf unsere Fragen keine Antworten zu geben. Wir waren in unserem Elend und unserem Leiden vereint und hatten keine Perspektive für unsere Zukunft.

Die Faszination des Okkulten

Als wir eines Tages wieder einmal resigniert und gelangweilt beieinandersaßen, erzählte Carmen beiläufig, dass es sehr wohl Antworten auf unsere Fragen geben könnte. Wenn wir die Geister dazu befragen würden, könnten sie uns sicher Antworten geben. Wir lehnten diese Spielereien zunächst ab und gingen nicht weiter darauf ein. Carmen ließ aber nicht locker, sondern forcierte ihre Bemühungen. Sie versuchte, uns die Geisterbefragung so attraktiv und spannend wie möglich darzustellen, und bearbeitete uns immer wieder in dieser Weise. Aus Neugier und um Carmens Drängen nachzugeben, haben wir dann schließlich doch zugestimmt. Sie führte dann okkulte Sitzungen mit uns durch. Wir haben zwar mitgemacht, es aber zunächst nicht wirklich ernst genommen. Für uns war es ein unterhaltsames Spiel und über die Auswirkungen machten wir uns keine Gedanken.
 
Unsere Technik war das Gläserrücken. Um zu testen, wie zuverlässig die Auskünfte des Gläserrückens sind, haben wir uns folgende Vorgehensweise überlegt. Eine von uns stellte eine Frage aus ihrer Vergangenheit, die ganz sicher nur sie selbst beantworten konnte. Um nun der Manipulation vorzubeugen, durfte die Fragestellerin nicht beim Gläserrücken mitmachen, sondern behielt ihre Finger bei sich. Dann legten wir anderen unseren Finger auf das Glas. Das Spiel konnte beginnen. Das Glas bewegte sich nun nacheinander zu verschiedenen Buchstaben, die wir kreisförmig um das Glas herum auf dem Tisch angeordnet hatten. Voller Spannung notierten wir die Buchstaben, die zu Wörtern, Informationen und Auskünften wurden. Zu unserem Erstaunen und großen Erschrecken gab das Glas die richtigen Antworten auf alle unsere Fragen. Nach Beendigung dieser ersten Sitzung wuchs aber in uns das Verlangen, mehr zu erfahren. Immer wieder befragten wir das Glas. Dieses Verlangen steigerte sich und wurde schließlich zur Sucht. Wir konnten uns ein Leben ohne unser Glas nicht mehr vorstellen. Wir wollten uns immer mehr steigern, die Zuverlässigkeit weiter untersuchen und die Technik verfeinern. Hatten in der ersten Sitzung noch drei von uns die Finger auf das Glas gelegt, so drängte sich uns natürlich die Frage auf, ob das Glas sich auch bewegte, wenn niemand es berührte. So stellten wir unsere Frage und jede von uns legte ihre Hände weit weg vom Glas vor sich auf den Schoß. Was würde passieren? Auf einmal merkten wir, wie das Glas sich ohne äußere Einwirkung bewegte und von Buchstabe zu Buchstabe wanderte. Begierig schrieben wir die Botschaft auf. Die Antwort passte genau. Wir waren schockiert und fasziniert zugleich, begeistert und voller panischer Angst.
 
Von da an nahmen wir das Glas überall mit hin und machten an den verschiedensten Orten unsere Versuche und Sitzungen. Wir wurden so versiert, dass wir die kreisförmige Anordnung von Buchstaben und Zahlen im Kopf gespeichert hatten und ohne die Schablonen auskamen. Das Gläserrücken praktizierten wir ungefähr ein halbes Jahr.
 
Doch parallel zu den richtigen Antworten gab es je länger je mehr unerklärliche Phänomene, die immer ausgefallener wurden. Wir bekamen es mit der Angst zu tun und reagierten nur noch panisch. Am Anfang schlugen nur die Schranktüren. Wir nahmen das nicht ernst, sondern taten es als Zufall ab. Bei einer der letzten Sitzungen war auf einmal die Zimmertür auf unerklärliche Weise verschlossen und wir kamen ohne fremde Hilfe nicht mehr aus dem Zimmer. Andere Mädchen aus dem Heim bemerkten unsere Not und holten Hilfe bei den Erzieherinnen. Bis heute gibt es keine logische Erklärung für die abgeschlossene Tür. Es war kein Streich, keine Nachlässigkeit und kein Versehen.
 
Durch diese Aktion flogen unsere Sitzungen auf und die Erzieherinnen verboten uns, damit weiterzumachen. Wir waren selbst durch diese unheimlichen Begebenheiten so geschockt, dass wir uns davon distanzieren wollten. Alpträume und Ängste waren die quälenden Neben- und Nachwirkungen. Glücklicherweise nahmen die Träume und Panikattacken mit der Zeit langsam wieder ab. Doch auch noch viele Jahre später hatte ich furchtbare Alpträume und wachte oft nachts schweißgebadet von diesen schrecklichen Träumen auf. Später wurde mir bewusst, dass viele Menschen mit solchen Erfahrungen nicht zurechtkommen, dadurch psychisch krank oder in den Selbstmord getrieben werden. Ich bin zutiefst dankbar, dass meine gefährlichen Einlassungen in das Reich der Finsternis nicht in einer Katastrophe endeten.
 
Die Erfahrungen der Erzieherinnen mit unseren Drogen-Exzessen und den okkulten Sitzungen brachten das Fass zum Überlaufen. Die Heimleitung machte Carmen für diese Entwicklungen verantwortlich, setzte sie auf die Straße und erteilte ihr Hausverbot. Sie war mittlerweile über 18 Jahre alt und sollte allein die Verantwortung für ihr Leben übernehmen. Doch uns schien das ungerecht, hatten wir doch alle an den Aktionen teilgenommen und Carmen war eine der Unsrigen geworden. Wir konnten das nicht so ganz einsehen, dass sie allein zur Rechenschaft gezogen wurde.
 
So beschlossen wir, sie wieder in unsere Mitte aufzunehmen, und schleusten sie heimlich in das Mädchen-Wohnheim ein. Da Carmen keine alternative Bleibe hatte und sie sonst auf der Straße hätte leben müssen, versteckten wir sie über mehrere Wochen im Dachboden. Die Köchin war eingeweiht und reichte uns bei den Mahlzeiten heimlich Extraportionen für Carmen. Es waren spannende und abenteuerliche Wochen.
 
Irgendwie kam die Heimleitung schließlich doch dahinter, dass eine zusätzliche Person im Haus war. Da wir Carmen aber sehr gut versteckt hatten, konnten die Erzieherinnen sie zunächst nicht finden, obwohl sie vom Keller bis zum Dachgeschoss das ganze Haus auf den Kopf stellten. Erst der Mann der Heimleiterin konnte als Bauingenieur die Gebäudepläne lesen und mit der Wirklichkeit vergleichen. Er kam uns auf die Schliche und entdeckte Carmen in einer Nische auf dem Dachgeschoss. Sie wurde dann unter Aufsicht der Polizei aus dem Haus gebracht und massiv an das bereits ausgesprochene Hausverbot erinnert. Wir alle waren jetzt sehr eingeschüchtert und hatten keinen Mut mehr für ähnliche Aktionen. Carmen hatte von nun an keine Wahl, als auf der Straße zu leben.

Problem-Beziehung

Carmen spielte aber auch noch auf eine ganz andere Weise eine gravierende Rolle in meinem Leben. Kurz nachdem Carmen zu uns ins Mädchen-Wohnheim gekommen war, hatte sie uns mitgeteilt, dass sie eine Lesbe sei. Wir nahmen es zur Kenntnis und waren als Clique sehr tolerant. Sie spürte von uns keine Ablehnung. Auch ich hatte keine Berührungsängste, da meine Halbschwester in einer homosexuellen Beziehung lebte und mir die Thematik vertraut war. Im Gegenteil, ich wurde sogar mehr und mehr aufgeschlossen und der Gedanke an Neues und Unbekanntes reizte mich. Und so geschah es, dass ich eine Beziehung zu Carmen zwar nicht suchte, sie aber dennoch zuließ.
 
Für sie war diese Entwicklung viel wichtiger als für mich, denn sie setzte ihre ganze Hoffnung auf mich und unsere Beziehung. Sie hatte schon lange keine vertrauenswürdige Bezugsperson mehr gehabt und klammerte sich daher sehr stark an mich. Dadurch war ich einem Erwartungsdruck ausgesetzt, der es aus meiner Sicht einfach nicht zuließ, die ganze Sache wieder zu beenden.
 
Ich war mit der Beziehung und der komplizierten Situation überhaupt nicht zufrieden. Am liebsten hätte ich alles wieder rückgängig und ungeschehen gemacht und wollte ausbrechen. Aber leider war ich in eine Abhängigkeit geraten, aus der ich mich nicht mehr so einfach selbst lösen konnte. Ein Druckmittel von Carmen war die Androhung von Selbstmord. Einmal hatte sie sich sogar in meiner Gegenwart die Pulsadern aufgeschnitten. Sie drängte sehr darauf, dass ich mich in der Öffentlichkeit, zumindest in unserer Clique, zu ihr bekannte, was mir außerordentlich schwerfiel, da ich mich in dieser Rolle überhaupt nicht wohlfühlte. Einerseits wollte ich sie nicht länger belügen, hatte aber andererseits Angst, dass eine Trennung bei ihr zu einer Katastrophe führen könnte. So ging es dann irgendwie immer weiter, ohne dass ich glücklich dabei wurde. Darüber hinaus stritten wir uns sehr häufig. Als Carmen dann aus dem Heim geworfen wurde, hatte ich die stille Hoffnung, dass durch die räumliche Trennung unsere Beziehung ein Ende finden würde. Aber unsere Verbindung überdauerte auch diese Phase.

Einschneidende Erlebnisse

Kurz nachdem Carmen von der Heimleitung auf die Straße gesetzt wurde, fand in der Innenstadt eine eher ungewöhnliche Straßenveranstaltung statt: Eine Gruppe von Christen warb auf einem belebten Platz für den christlichen Glauben. Sie hatten ein Zelt aufgebaut, eine Tee-Station errichtet und sprachen sehr offensiv wildfremde Menschen in der Stadt an. Dabei kamen sie immer wieder mit den unterschiedlichsten Leuten in eine Unterhaltung über Gott und die Welt. Das taten sie eine Woche lang den ganzen Tag. Abends gab es in dem Veranstaltungszelt Vorträge zum christlichen Glauben. Während des Missionseinsatzes fiel Carmen auch einem der Christen auf, da sie sich ständig in der Nähe des Busses auf dem Stadtplatz aufhielt und auf den Parkbänken übernachtete. Nach anfänglichen Berührungsängsten kamen sie ins Gespräch. Für die Mitarbeiter bot die Gemeinde Mahlzeiten in den Gemeinderäumen an – auch Carmen nahm recht bald daran teil.
 
Uns fiel auf, dass wir sie in dieser Zeit plötzlich nicht mehr auf der Straße antrafen. Bei unseren Rundgängen durch die City konnten wir sie nirgends entdecken. Später tauchte sie dann aber bei uns auf und schleppte uns zu den abendlichen Vorträgen in das Zelt. Wir reagierten eher reserviert und zurückhaltend, kamen aber durchaus auch mit den Christen über Gott ins Gespräch. Erst Wochen später realisierte ich, was in dieser Woche mit ihr geschehen war. Außerdem hatte Carmen in dieser Zeit eine »neue Familie« gefunden, die sie auch bei sich aufnahm.
 
Carmen vertraute sich schließlich der Familie, bei der sie nun wohnte, bezüglich der Beziehung zu mir an. Der Vater riet ihr, die Verbindung zu beenden, und untersagte ihr den weiteren Kontakt zu allen Mädels aus dem Mädchen-Wohnheim – insbesondere natürlich zu mir. Die Familie wohnte nur ungefähr fünf Minuten zu Fuß von unserem Heim entfernt. Und immer wenn die Mitarbeiter der Straßen-Events von der Gemeinde in die Stadt zum Missionszelt marschierten, kamen sie praktisch an der Haustür des Heimes vorbei. Es waren wirklich sehr ungünstige Bedingungen für eine konsequente räumliche Trennung. Weder Carmen noch wir hatten zu der Zeit Verständnis für die Maßnahmen und für das Verbot, uns zu treffen. Deshalb hielten wir uns alle nicht daran und verbrachten manchen Abend zusammen mit ihr und der gesamten Mädchenclique in einer Kneipe. Carmen wohnte nun schon einige Zeit bei der Familie und hatte es dort sehr gut angetroffen, denn die Leute kümmerten sich vorbildlich um sie. Oft wurde sie direkt aus der Gaststätte, in der wir gemeinsam die Abende verbrachten, von ihrer Pflegefamilie abgeholt und nach Hause gebracht.
 
Wir hatten wenig Verständnis dafür und belustigten uns darüber. Wenn Carmen wieder einmal bei uns »ertappt« wurde, ging sie immer brav mit. Heute sehe ich das alles mit anderen Augen – heute verstehe ich die Hintergründe und die Motive. Wir haben es der Pflegefamilie ziemlich schwer gemacht, ihr zu helfen. Carmen hielt es allerdings nicht lange bei der Familie aus und bekam die Gelegenheit, für eine Übergangsphase eine Wohnung anzumieten. Die Person, die ihr die Wohnung überließ, ging wegen einer Geschlechtsumwandlung zu einer Therapie ins Krankenhaus. Für die Zeit des Krankenhaus-Aufenthaltes und der anschließenden Reha versuchte die Person ihre Wohnung zu vermieten. Carmen überredete mich, mit ihr dort einzuziehen. Ich gab ihrem Druck nach und verließ das Heim im Alter von 17 Jahren. Die Erzieherinnen hatten praktisch keine Handhabe, meinen Auszug zu verhindern.
 
Leider fielen wir wieder zurück in alte Verhaltensweisen und ließen unsere Beziehung wieder aufleben, die eine ganze Zeit geruht hatte. Carmen war von allen Seiten angefochten. Auf der einen Seite zog es sie in das christliche Umfeld, auf der anderen Seite wollte sie mich nicht aufgeben.
 
In dieser Zeit begann auch ich die christlichen Bücher zu lesen, die Carmen mitbrachte, und fing an, über Gott und meine Beziehung zu ihm nachzudenken. Ich kam ja selbst mit meinem Leben überhaupt nicht zurecht und wollte unbedingt eine Veränderung. Sollte sich hier nach den verschiedenen, unbefriedigenden Männerbeziehungen, dem Kneipenleben, den okkulten Erfahrungen und dieser unsäglich traurigen Beziehung ein neuer Weg, ein Ausweg für mich auftun? Ich litt unter der Beziehung zu Carmen, konnte mich aber selbst nicht befreien. Nach den vielen Männer-Bekanntschaften hatte ich die Schnauze voll und meine Hoffnung auf diese Beziehung gesetzt. Aber ich merkte immer deutlicher, dass irgendetwas Grundlegendes nicht stimmte, mein Gewissen mich ständig quälte und meine Hoffnungen sich nicht erfüllt hatten.
 
Alles war noch chaotischer und komplizierter geworden – meine Wünsche blieben unerfüllt und ich blieb leer zurück. Mehr und mehr wurde mir bewusst, dass Glück, Zufriedenheit und die Lösung meiner Probleme nicht in meiner Macht lagen, sondern mit Gott zusammenhingen – und dass diese Beziehung nicht dem Plan und Willen Gottes entsprach. Ich sehnte mich so sehr nach einem glücklichen, sinnerfüllten Leben und streckte mich mit großem Verlangen danach aus. Wie aber konnte ich das bekommen?

Entscheidung am Silvester-Abend

Das Verlangen nach wirklichem Leben und einer Befreiung von meinen Gebundenheiten steigerte sich. Ich fühlte mich mehr und mehr durch meinen Lebensstil dreckig und beschmutzt und wollte so einfach nicht mehr weiterleben. Durch den Kontakt zu Carmens Pflegeeltern war ein gewisses Vertrauen entstanden und ich hoffte, dass ich bei ihnen Hilfe finden würde. Obwohl ich mit der Pflegefamilie nicht immer sonderlich gut zurechtgekommen war, sollten sie mir doch bei dieser wichtigen Entscheidung helfen. Ich wollte es mir dadurch auch nicht zu leicht machen. Sie hatten in der Vergangenheit aus unserer Sicht sehr seltsame Verhaltensregeln und Verbote für Carmen erlassen. Damit kamen wir nur schlecht zurecht, wir fühlten uns zurückgesetzt und diskriminiert. Heute verstehe ich, dass die Familie aus Liebe und Fürsorge für Carmen so gehandelt hat.
 
Dann kam der Tag, an dem ich meinen schweren Gang antrat: Am 31.12. zog ich los – und mein Weg führte mich zu Carmens Pflegefamilie. Nachdem ich an der Haustür geschellt hatte, ging ich die gefühlten 150 Stufen hinauf. Zu meiner Erleichterung war die Familie allein zu Hause und feierte den Silvester-Abend nicht auswärts oder gemeinsam mit Freunden.
 
Der Pflegevater von Carmen freute sich sehr, als er von meinem Wunsch hörte. Er nahm sich viel Zeit für mich und erklärte mir noch einmal ganz genau den Weg zur Heilung und Errettung und die Möglichkeit, mein Leben mit Gott und Menschen in Ordnung zu bringen und Frieden mit Gott zu bekommen.
 
Alles, was mir bewusst wurde, der »Schmutz« meines Lebens, alle Sünden, an die ich mich erinnerte, bekannte ich vor Gott: Mein schuldhaftes Verhalten meinen Eltern, besonders meiner Mutter gegenüber, die Betrügereien, meine okkulten »Gehversuche«, meine unguten Männer-Beziehungen und die belastende Beziehung zu Carmen – den ganzen Dreck meines Lebens schüttete ich vor ihm aus. Ich bat Gott um Vergebung für meine Sünden und bat ihn auch ganz konkret, die Herrschaft und Führung meines Lebens zu übernehmen. Ich wünschte mir sehr, von nun an ein Leben in Reinheit, Ehrlichkeit und Gehorsam Gott gegenüber zu führen. Wie froh und dankbar bin ich, dass Gott mein Gebet erhörte und mir meine ganze Schuld vergab. Er konnte mir vergeben und mich reinwaschen, weil ein anderer, sein Sohn Jesus Christus, meine Schuld auf sich nahm. Nun brauchte ich mich nicht länger schmutzig und betrogen zu fühlen. Nachdem ich einige Stunden bei der Familie verbracht hatte, brach ich dann am Abend wieder auf, um in die gemeinsame Wohnung zu Carmen zurückzukehren. Sie freute sich sehr über das, was mit mir geschehen war.
 
Ich startete also mit dem neuen Jahr auch gleich in ein »neues« Leben. An diesem Silvester-Abend endete auch endgültig meine ungute Beziehung zu Carmen – wir haben nie wieder damit angefangen. Allerdings verhielten wir uns in den ersten Monaten nicht unbedingt weise, da wir die gemeinsame Wohnung behielten und auch danach zusammen in eine andere Wohnung in der Nähe umzogen. Wir hatten die Gelegenheit, eine möblierte Wohnung in einem Mehrfamilienhaus zu beziehen, und gleichzeitig durch andere Bewohner eine Mitfahrgelegenheit zu einer christlichen Gemeinde. Die Wohnung war zwar etwas altertümlich eingerichtet und die Möbel schon zig Jahre alt, dafür war sie aber komplett ausgestattet und für uns gut bezahlbar. Sogar unsere Katzen durften wir mit in die Wohnung nehmen. Durch den Kontakt zu den Christen, die im Haus wohnten, konnte ich immer meine vielen Fragen zur Bibel und über Gott und die Welt loswerden und eine gute Gemeinschaft genießen.
 
In dieser Zeit war mir außer dem neu gefundenen Leben mit Gott alles andere unwichtig – ich konzentrierte mich darauf, ihn besser kennenzulernen und auch meine neue »Familie«. Mir war bewusst, dass ich einige Dinge in meinem Leben konkret ändern musste. Unter anderem verursachte mir das Rauchen große Gewissensnöte. Da ich merkte, wie stark die Gebundenheit war und dass ich allein nicht mit dem Rauchen aufhören konnte, bat ich Gott um Hilfe und Befreiung. Er half auf seine Weise: Kurze Zeit später wurde ich von einer heftigen Magen-Darm-Grippe heimgesucht. Ich behielt eine Woche lang nichts bei mir und übergab mich oft. An Zigaretten war in dieser Zeit überhaupt nicht zu denken, allein der Gedanke daran bewirkte Ekel in mir. Während der gesamten Krankheit rauchte ich also nicht eine Zigarette. Mir wurde schnell klar, dass diese Krankheit Gottes Antwort auf meine Gebete um Befreiung von der Sucht war. Danach fasste ich keine Zigarette mehr an. Auch wenn noch manchmal das Verlangen nach Zigaretten aufkam, blieb ich mit Gottes Hilfe frei von Rückfällen.
 
Ein halbes Jahr zuvor hatte ich eine Ausbildung zur Arzthelferin begonnen, obwohl ich meine Schullaufbahn eher schlecht als recht zu Ende gebracht hatte. Der Arzt, bei dem ich während der neunten Klasse ein Praktikum machen konnte, hielt sich dennoch an seine Zusage und gab mir die Chance, zur Arzthelferin ausgebildet zu werden. Mit der Ausbildungsvergütung und einer kleinen Waisenrente konnte ich mich ganz gut über Wasser halten.

Erste Schritte

Nachdem mein Leben eine ganz neue Ausrichtung bekommen hatte, wurde das Leben in der gemeinsamen Wohnung mit Carmen immer schwieriger. Die Konflikte mehrten sich und schließlich fasste sie den Entschluss, aus der gemeinsamen Wohnung auszuziehen. Glücklicherweise konnte ich die möblierte Wohnung dann auch allein weiter mieten und kam so weiter zur Ruhe. Im Haus wohnte ein jung verheiratetes Ehepaar, mit dem ich mich immer besser verstand. Sie waren auch Christen, wir hatten viel Gemeinschaft miteinander, sie kümmerten sich liebevoll um mich und nahmen mich weiter mit in die christliche Gemeinde.

Nach und nach begann Gott, mein Leben und manche Einstellungen zu verändern. Aufgrund meiner eigenen Vergangenheit, ohne »Nestwärme« und ein richtiges Elternhaus aufgewachsen, und wegen meiner verschiedenen Beziehungen konnte ich mir nie vorstellen, selbst eine Familie zu haben. Für mich hieß Familie hauptsächlich Streit, Gewalt, Betrug und Unverbindlichkeit. Die Liebe und Geborgenheit einer gesunden Familie hatte ich ja nie erfahren und konnte mir nicht vorstellen, dass ich es noch einmal anders erleben würde. Doch Gott tat ein weiteres Wunder und nahm mir meine Vorbehalte gegen das Familienleben weg. Und dann lernte ich in der Gemeinde einen jungen Mann kennen und lieben, der schließlich mein Mann wurde und mit dem ich mittlerweile seit 16 Jahren glücklich verheiratet bin.
 
Inzwischen hat sich die Familie vergrößert – wir sind dankbare Eltern einiger Kinder und genießen ein glückliches Familienleben.
 
Im Lauf dieser Jahre geschah noch etwas Erstaunliches. In uns wuchs immer mehr der Wunsch, Gott auch als Ehepaar und Familie intensiver zur Verfügung zu stehen. Wir beteten mehrere Jahre um Wegweisung in dieser wichtigen Frage. Schließlich antwortete Gott deutlich und schickte uns in eine Arbeit an gefährdeten Menschen. Heute dürfen wir mit Gottes Hilfe problembeladenen und heimatlosen Menschen ein Zuhause und Lebens-Hilfe anbieten. Dabei sind mir meine eigenen Erfahrungen oft eine große Hilfe, um sie und ihre Nöte besser zu verstehen.

Ich bin Gott so dankbar, dass er mich trotz meiner bedrückenden Vorgeschichte gebrauchen kann. Er hat mir alle Schuld vergeben, mein Gewissen gereinigt, die Wunden der Vergangenheit geheilt, die quälenden Alpträume weggenommen, bedingungslose Liebe, eine neue Familie und echten Frieden geschenkt. Bei Gott ist mein Herz endlich zur Ruhe gekommen und mit ihm kann ich ein erfülltes, glückliches und sinnvolles Leben haben.

Wo aber die Sünde überströmend geworden ist, ist die Gnade Gottes noch überschwänglicher geworden.« (Die Bibel, Römer 5,20)

entnommen aus dem Buch: Das Glück der Verlorenen, Hrsg. Wolfgang Bühne
mit freundlicher Genehmigung des CLV-Verlages, Bielefeld

Bitte lesen Sie die Bibel - das Wort Gottes!
« .... sondern die Kranken. Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder zur Buße. »

Jesus Christus in Lukas 5

Zitat - Dietrich Bonhoeffer

Dankbarkeit ist demütig genug, sich etwas schenken zu lassen.

Der Stolze nimmt nur, was ihm zukommt. Er weigert sich, ein Geschenk zu empfangen.

Zitat - Corrie ten Boom

Baue keine Treppe von guten Werken,
um den Himmel zu erreichen.

Der Himmel ist weit weg von guten Leuten und nur einen Schritt weg von einem Sünder

Zitat - Matthias Claudius

Es ist nichts groß, was nicht gut ist;
und ist nichts wahr, was nicht bestehet.

 
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