Lebensberichte

Brief des Soldaten Julius Ströhlein aus dem Krieg 1944 (im Raum UDSSR, Polen/Ostpreußen geschehen) an seine Mutter in Haan (Nordrhein-Westfalen)



Willenberg, Ostpr., den 2.8.1944

 

Meine über alles geliebte Mutter,

 

wenn Du Dir nun in der Zeit, in der keinen Post von mir ankam, Sorge um mich gemacht hast, so hast Du dies mit Recht getan. Doch ich will etwas vorgreifen und Dir zu Deiner Beruhigung sagen: Ich lebe!

Der Herr hat das Wunder, was ich kaum noch für möglich gehalten hätte getan und hat mich körperlich heil und unversehrt hierher gebracht. Wenn ich auch nichts mehr besitze, als das, was ich anhabe, so darf ich mit Hiob sagen: „Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen, der Name des Herrn sei hochgepriesen!“

 

Ich möchte nun auf die Einzelheiten der Erlebnisse, die ich in den vergangenen 6 Tagen erlebt habe in Anbetracht Deines körperlichen Zustandes nicht näher eingehen, weil ich weiß, Du ertrügest es nicht. Ich habe in dieser Zeit etwas mitgemacht, was ewig unvergesslich in mir haften bleiben wird. Wenn ich alles Furchtbare, was ich bisher gehört, gelesen, gesehen und erlebt habe zusammen tun würde, so würde es doch nie mit dem zu vergleichen sein, was ich in dieser letzten Zeit mit meinen eigenen Augen gesehen und meinen Ohren gehört und mit meiner Seele in mich aufgenommen habe. Es war manches so erschütternd und grässlich ergreifend, dass ich heute noch darüber weinen könnte. Könnte ich jetzt bei Dir sein, ich würde mich an Deiner Brust, liebe Mutter, satt weinen. Ich habe Worte gehört, deren erschütternder Hall jetzt noch in meinen Ohren nachklingt als wäre es gerade passiert. Ich habe Bilder gesehen, rot von Blut, meine Hände waren rot vom Blut der sterbenden Kameraden, die zu Hunderten jetzt auf dem Schlachtfeld zum Fraß der Raben und wilden Tiere liegen, habe Kameraden gesehen, deren zerschossene Beine schon in Fäulnis übergingen durch das tagelange Liegen in der brennenden Sonne und trotzdem konnte niemand ihnen mehr helfen. Doch lass Dich deshalb nicht erschüttern, der Herr hat mir die Kraft gegeben, auch dies Schwere und Furchtbare zu überstehen. Ich habe ihm unter Tränen dafür gedankt, dass er mich herausgerettet hat aus dieser irdischen Hölle.

 

Du weißt ja sicher, dass ich in Brestlitowsk als Funker auf einem Fort eingesetzt war. Am 24.7. rückte die Kommandantur, von der wir abgestellt waren, ab. Da war B. aber noch nicht eingeschlossen. Wir warteten nun mit 7 Mann auf einen Abruf, der jedoch nicht kam. Dienstags erfuhren wir, dass wir im Kessel wären und keine Möglichkeit zum Herauskommen mehr bestünde als Durchkämpfen. Mittwochs fragten wir dann in Brest an, was wir machen sollten, da wurden wir abberufen und mit der allgemeinen Absatzbewegung in Marsch gesetzt. Dies sollte nun alles planmäßig von statten gehen, und ist auch in etwa so wie geplant erfolgt bis auf die Kampfgruppe, bei der wir 7 Mann waren. Schon gleich hinter Brest war der Weg durch den Russen versperrt, so dass mit allen Mitteln gekämpft und ein Durchbruch erzwungen werden musste. Viele Verwundete aus Brest waren schon auf LKW´s verladen und wurden mitgeführt. Gleich nachmittags erlebten wir das erste schwere Artillerie-Feuer der Russen, das nicht ohne Verluste abging. Der Marsch ging dann durch die Nacht weiter, bis er gegen 2 Uhr wieder zum Stoppen kam, da der Russe zu stark war.

 

Ich schlief dann bis zum Hellwerden im Strassengraben, dann ging´s weiter. Von rechts und links bekamen wir aus den undurchdringlichen Wäldern schwerstes Feuer von Russen, das umso schlimmer war, weil niemand ausweichen konnte, sondern die ganze Kolonne in 4 bis 6er Reihen auf enger Strasse marschierte bzw. fuhr. Die 7 Mann hatten Räder mit, auf die wir unsere wenigen Habseligkeiten verladen hatten. An einer Waldspitze gerieten wir in harten Kampf mit dem Feind, der sich dann zurückzog. In Nevel wurde dann wieder gesammelt, um zum weiteren Stoss anzutreten. Wir lagen in einer Lichtung, die der Russe mit allen Kalibern beschoss. Dort gab es Tote in großer Zahl. Von den Verwundeten gar nicht zu reden. Ein Überfall wurde von uns allen abgewehrt und im darauf folgenden Gegenstoß aus dem nächsten Dorf geworfen und das Dorf angezündet. In der Nacht sollte es weiter gehen. Eine LKW Kolonne, der ich mich mit dem Rad angeschlossen hatte, fuhr direkt mitten in die Russen hinein, ich und wenige LKW konnten sich noch retten zu der Hauptkampftruppe. Am anderen Morgen, nachdem ich die Nacht mit Herumirren in unbekanntem Gelände zugebracht hatte, wurde alles, was ein Gewehr hatte gesammelt und zum Sturm auf die vor uns vom Feind besetzte Höhe angetreten. Ich lud meinen sehr erleichterten Rucksack auf einen Trosswagen der Artillerie, ließ mein Rad liegen und machte mit.

 

Nach dem Sturm auf dies Dorf, in dem der Russe sich hart festgesetzt hatte, ging es 8km weiter bis zu einer Anhöhe, beherrscht von einem Holzturm, den der Russe nicht preisgeben wollte. Nach Einsatz aller verfügbaren Waffen stürmten wir die Höhe. 2 Geschütze blieben liegen, eins total zusammengeschossen, das andre fiel den nachdrängenden Russen in die Hände. Ich veranlasste noch, dass ein Kamerad, der ein Bein verloren hatte und noch viele Wunden am Körper hatte, mit an ein Geschütz gebunden wurde, damit ihn nicht die Russen bekämen. Von einem anderen Toten nahm ich noch die Papiere mit. Die Angehörigen will ich noch unterrichten. Nun ging´s im Galopp den Hang hinab in ein Dorf, in dem sich uns ein schauriges Bild bot. Ich kann es nur mit Dünkirchen vergleichen, eigentlich noch schlimmer. Vor dem Dorf war ein Sumpf und alles, was nicht in panischer Angst in den Sumpf festgefahren war, wurde im Dorf von zwei auf der Höhe stehenden Panzern zusammengeschossen.

 

LKW´s, mit Verwundeten hochbeladen, brannten lichterloh, andere zerriss das mörderische Feuer der Russen, viele wurden totgefahren, fielen in den Sumpf und blieben liegen. An einer zusammengeschossenen Brücke bot sich ein Bild von sich im Blut wälzenden Pferden und Menschenleibern, die in panischer Flucht nachdrängenden Bespannten zertrampelten noch, was sich nicht mehr mit eigener Kraft aus der Todeszone retten konnte. Dazwischen, davor, daneben, dahinter, das Bersten der Granaten, Explodieren von Munition, prasselndes Brennen der mit Benzin und Verwundeten beladenen LKW´s, über uns das Knattern der Bordwaffen der feindlichen Flugzeuge. Aufbäumen und Wildumsichschlagen getroffener Pferde, durchgehen von Fahrzeugen, deren Fahrer getroffen oder unter den Rädern zermalt waren. Dazwischen das Schreien und Rufen noch nicht toter Kameraden: „Hilf mir, helft mir doch, lasst mich nicht liegen!“ „Kamerad nimm mich mit, Kinder Gottes helft mir!“ Doch keiner konnte sich auch nur umblicken, alles hastete, jagte, flüchtete teils zu Pferde, teils wie ich zu Fuß, nur aus dem mörderischen Feuer heraus. Offiziere rissen sich die Schulterstücke herunter, ergriffen Pferde und flüchteten so schnell wie möglich. Ich lief auch etwa 200m, da war ich erschöpft. Da war mein Gebet zum Herrn nur noch „Herr, tue ein Wunder und rette mich aus dieser furchtbaren Hölle, Herr rette mich. Du siehst ich kann nicht mehr weiter.“

 

Mit fliegenden Pulsen schleppte ich mich weiter, laufen konnte ich nicht mehr. Die vorhergegangenen Kämpfe und die Strapazen der vergangenen Tage hatten mich zu sehr erschöpft und dies erste Mal in dieser Schlacht rettete mich der Herr. Keine Kugel und nicht ein Splitter traf mich, obwohl Menschen links und rechts von mir aufstöhnend zusammen sanken, liegen blieben, die Räder der Wagen und die Hufe der Pferde über sie hinweg gingen. Doch der Herr gab mir Kraft und eine innere Stimme sagte mir, Du wirst nicht umkommen. Ich dachte dabei unwillkürlich an Paulus auf dem Schiff im Sturm, das an der Küste zerschellte. Atemlos erreichte ich die schützende Rollbahn, hinter deren Damm wir weiter hasteten. Doch gleich nach 1km ging es wieder querfeldein durch Sümpfe, Wälder und Felder, ohne Unterbrechung. Nur nicht schlapp machen oder liegen bleiben. Das bedeutet den Tod. Nach einem Marsch von Stunden, einem Hasten und Jagen durch unwirtliche Gegend, durch brennende Dörfer und Kornfelder.

Am 4. Tag kamen wir dann an die russische HKL, bei der der Rest der Panjewagen noch zerschossen wurde. Ich geriet mit noch einigen Kameraden unglücklicherweise in ein Kornfeld, an dessen Rande, die russischen MG Nester waren. Wir bekamen schweres Feuer und mussten deshalb den ganzen Tag über ruhig liegen bleiben, damit wir nicht in Gefangenschaft gerieten. Nachts um 11 Uhr habe ich mich dann mit 3 Kameraden aufgemacht und wir sind auf dem Bauche durch die russischen Linien gekrochen. Wir wurden zwar stark beschossen, doch in der Dunkelheit hat mich nichts getroffen. Ob die Kameraden auch noch herausgekommen sind. Ich weiß es nicht. Einen nur habe ich später noch wieder gesehen.

 

Am frühen Morgen nun mussten wir laufen, laufen und nochmals laufen, damit wir unsere sich schon abgesetzten Truppen noch erreichten. An diesem Tage bin ich etwa 60km zu Fuß gelaufen. Bei brennender Hitze. Doch der Herr gab mir immer wieder neue Kraft, wenn ich ermattet am Straßenrand niedersank. Später wurden wir dann von LKW´s mitgenommen, dann durch ein Motorrad usw., bis wir die nötige Strecke zurückgelegt hatten. Am nächsten Tag ging es so weiter, bis ich nach Ostrow kam, dort bekam ich Bescheid zur Weiterleitung nach rückwärts. Von Ostrow fuhr ich dann mit der Bahn über Scharfenwiese (Ostrobuka) nach Willenberg, wo ich auf dem Bahnhof ein Schild „Sammelstelle für versprengte Nachrichten Soldaten“ fand.

 

Ich habe mich dann hier gemeldet, wurde verpflegt, bekam reine Wäsche und konnte mich baden. Ich hatte gar nichts mehr, als ich aus dem Kessel kam, kein Gewehr, Gasmaske, Kamm, Rasierzeug, Spiegel, nur eben auch das, was ich anhatte. So hat der Herr über Bitten und Verstehen an mir getan. Ihm muss ich immer wieder dafür danken.

 

Gestern war ich in der Stadt. Etwa 3000 Einwohner, zu bekommen ist hier aber nichts. Gerade eben beim Antreten nun wurde ich mit vorgelesen zur Abstellung. Gleich geht es fort. Zuerst nach Litzmannstadt und von dort aus dann weiter. Hier traf ich noch zwei Kameraden von der Abteilung, die aber auch bei den Durchkämpfen der Division von Robruisk nicht bei waren. Von unserer Abteilung sollen nur noch ganz wenig Überlebende aus dem Kessel herausgekommen sein. Alle Kameraden sind sonst in Gefangenschaft, tot oder vermisst. Ein furchtbares Los! – Wie ein Wunder bin ich nun vor diesem Schicksal bewahrt geblieben. Ich kann nur immer wieder dem Herrn dafür danken. Er hatte auch Dein Gebet erhört, dass keiner von uns vermisst werden solle, dann schon lieber tot.

 

Du kannst mir nun noch nicht schreiben. Überhaupt habe ich ja noch gar keine Post von der Heimat bekommen. Der Herr gebe, dass ich bald mal zu einer festen Kompanie komme, damit das ein Ende hat. Ich hatte ja eigentlich vor, erst nach Hause zu fahren mit meinem Marschbefehl. Das hätte ich auch bestimmt geschafft, doch der Herr hat mich nun erst hier vorbeigeführt. Es wird wohl auch gut so gewesen sein. Wir wollen nun getrost abwarten, wie der Herr alles führt. Ob der Krieg bald ausgeht und was mit uns geschieht. Ich weiß ja auch von Euch, weder von Dir noch von Gerd noch von sonst allen gar nichts, hoffentlich bekomme ich bald Nachricht.

 

Mache Dir nun wegen dieser furchtbaren Sachen, die ich Dir geschrieben habe keine Gedanken und werde nicht betrübt, denn die Bibel prophezeit uns ja nur solches für die heutige Zeit. In Wirklichkeit war alles, was ich Dir schrieb, noch viel schrecklicher, ich kann Dir ja nur das Wesentliche schreiben. Wir wollen dem Herrn danken, dass er uns noch so treu bewahrt hat und auch mich aus der Hand der Feinde errettet hat. Alles ist ja nur seine Güte und Gnade. Wenn Du nun die ersten Wochen wieder keine Nachricht bekommst, so hat es eben nicht gehen können, doch ich schreibe sofort, wenn es möglich ist. Ich komme aber voraussichtlich mit nach Litzmannstadt, von dort aus zu irgendeiner Neuaufstellung. Mache Dir nun keine Sorgen um mich. So wie der Herr bisher bei mir war, so wird er es auch in Zukunft sein. Sein Name sei gepriesen.

 

So lebe nun wohl liebe Mutter und danke dem Herrn, dass er mich Dir wieder geschenkt hat. Wie leicht könnte es anders sein! Bete viel für mich!

Grüße besonders alle Lieben dort mit in der Familie und in der Versammlung. der Herr gebe, dass ich sie noch einmal wieder sehe. Ihm will ich weiterhin fest vertrauen. Grüße auch besonders den lieben Gerd und die Tante Hulda mit.

 

So will ich nun schließen. Dem Herrn befohlen. Empfange in herzlichster Liebe die allerbesten Grüße von Deinem Dir durch des Herrn wunderbare Güte wiedergeschenkten Sohne

                                       

Julius







entnommen aus Dokumenten im Familiennachlaß der Familie Ströhlein -
mit freundlicher Genehmigung der Familien Ströhlein und Bölter




Bitte lesen Sie die Bibel - das Wort Gottes!


« Seid stark und mutig ...!
Denn der HERR, dein Gott,
Er ist es,
der mit dir geht;
ER wird dich nicht versäumen und dich nicht verlassen. »


5. Mose 31,6

Die Bibel



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