Lebensberichte

Georg Müller (1805 – 1898)  Luther

Waisenhausvater

Georg Mueller Hier kann es wirklich nur heißen: Es ging vom Tode zum Leben, von der Finsternis zum Licht, von den Abgöttern zum lebendigen Gott.

Er erlebte seine Gottesstunde in ganz besonders eindringlicher Weise, und sofort ist es mit Händen zu greifen, dass hier eine völlige Veränderung seines Lebens eintrat.

In jungen Jahren konnte niemand auch nur von ferne ahnen, dass aus diesem jungen Menschen einmal ein gesegneter Gottesmann werden sollte. Es sprach wirklich alles dagegen:

Schon vor seinem 10. Lebensjahr führte er ein Leben in Gottlosigkeit und Ausschweifung. Er selbst erzählt: „Mein Vater, von Beruf Steuereinnehmer, der seine Kinder nach weltlichen Grundsätzen erzog, gab uns Geld, ehe wir es recht anzuwenden wussten. Wir sollten dasselbe nicht ausgeben, sondern uns an den Besitz des Geldes gewöhnen. Das Resultat war, dass ich und mein Bruder in manche Sünde geführt wurden. Oft gab ich einen Teil des Geldes auf kindische Weise aus, und wenn der Vater dann Rechenschaft verlangte, suchte ich ihn zu täuschen durch falsche Rechnungslegung. Selbst wenn meine Täuschung entdeckt und ich bestraft wurde, tat ich doch immer wieder dasselbe. Ich war noch nicht zehn Jahre alt, als ich schon öfters Staatsgelder aus der Kasse meines Vaters entwendet hatte.“

Während der Schülerzeit ging es genau so weiter. Wieder bekennt er selbst: „Meine Zeit verbrachte ich mit Studieren und Romanlesen, auch ergab ich mich, obgleich noch jung, doch schon allerlei sündigen Gewohnheiten. So ging es fort, bis ich 14 Jahre alt geworden war. Da starb plötzlich meine Mutter. Die Nacht, als sie im Sterben lag, wovon ich freilich nichts wußte, spielte ich Karten bis des Morgens 2 Uhr und ging am nächsten Tage, der ein Sonntag war, mit etlichen meiner Kollegen ins Wirtshaus, und von dort zogen wir halb berauscht durch die Straßen der Stadt. Am Montag begann der Unterricht zur Vorbereitung auf die Konfirmation, an dem ich unachtsam teilnahm.“

„ Der Verlust meiner Mutter machte auch keinen bleibenden Eindruck auf mein Gemüt. Ich sank tiefer und tiefer. Drei oder vier Tage vor meiner Konfirmation machte ich mich grober Unsittlichkeiten schuldig, und den Tag vor derselben betrog ich den Pastor. Als ich nämlich demselben, wie es üblich war, meine Sünden bekannte, händigte ich ihm nur den zwölften Teil der Summe aus, welche der Vater mir für ihn gegeben hatte. In diesem Herzenszustand – ohne Gebet, ohne wahre Reue, ohne Glauben, ohne Kenntnis des Heilsplanes Gottes – wurde ich konfirmiert und nahm das Heilige Abendmahl am Sonntag nach Ostern 1820.“

Die feierliche Handlung machte allerdings einen ersten tiefen Eindruck auf ihn. Aber die guten Vorsätze, die er gefasst hatte, waren bald wieder vergessen, und er sank tiefer und tiefer ins Elend der Sünde hinein.

Mit 16 Jahren finden wir ihn im Gefängnis. Er muß mehrere Monate dort sitzen. Diese Zeit hinterließ wieder einen gewissen Eindruck auf ihn, und als noch eine empfindliche Prügelstrafe durch den Vater hinzukam, besserte er sich tatsächlich etwas. Er begann fleißig zu studieren und erhielt auch tatsächlich gute Zeugnisse. Innerlich ging es aber in den alten Bahnen weiter. Er lebte heimlich in mancherlei Sünde.

Er war 20 Jahre alt und machte mit einigen Freunden eine große Reise, meist zu Fuß. Später muß er im Hinblick auf diese Reise bekennen:
„Ich war auf dieser Reise ein Judas, denn ich hatte die gemeinsame Kasse und war ein Dieb. Ich wusste es einzurichten, dass mich die Reise bloß zwei Drittel von dem kostete, was sie meine Freunde gekostet hatte. Zu Hause angekommen, müsste ich wieder Sünde mit Sünde decken, denn nur durch viele Lügen betreffs der Reisekosten gelang es mir, den Vater zu beschwichtigen.“

In dieser Zeit aber fing der Geist Gottes bereits leise an seinem Herzen zu arbeiten an. Er empfand selbst mehr denn je die Leere seines Lebens und sah selbst ein trauriges Ende voraus.

Da griff Gott selbst ein und führe die Wende herbei. Einer seiner Freunde hatte Umgang mit einem Glaubenskreis bekommen und erzählte Müller davon. Als er davon hörte, war es ihm, als ob eine Glocke in seinem Herzen zu klingen begonnen hätte. Gleich am folgenden Abend war er in dem kleinen Kreis zugegen. Sein Freund wollte ihn gar nicht mithaben, weil er seinen Leichtsinn kannte, aber Müller ließ nicht nach und ging tatsächlich mit.

Was geschah?

Wie können doch Kleinigkeiten eine Bedeutung für das ganze Leben und damit auch für viele andere bekommen! Müller wollte sich noch entschuldigen, dass sie so ohne eingeladen zu werden, einfach hineinkämen. Da bekommt er die Antwort: „Kommen Sie, so oft Sie wollen, Haus und Herz stehen Ihnen offen.“ Dieses freundliche kurze Wort hinterließ einen tiefen Eindruck bei Müller. Dann wurde ein Lied gesungen. Einer der Älteren fiel auf die Knie und betete. „Dieses Knien machte einen tiefen Eindruck auf mich,“ erzählte Müller später. „Ich hatte noch nie einen Menschen auf den Knien beten sehen. Ich erkannte sofort: Ich bin gelehrter und studierter als dieser einfache Mann, aber so beten kann ich nicht.“

Es wurde dann ein Kapitel aus der Bibel gelesen. Dann folgte eine gedruckte Predigt. Nach diesem Abend sagte Müller zu seinem Freunde: „Alles, was wir auf der Schweizer Reise gesehen haben, und alle unsere bisherigen Vergnügungen sind nichts gegen diesen Abend.“

Er konnte sich selbst wohl kaum Rechenschaft darüber geben, was er eigentlich erlebt hatte. Aber er empfand ein tiefes Glücksgefühl im Herzen, eine unbeschreibliche Freude war in ihm wachgeworden. Der Abend war der Wendepunkt seines Lebens. Wohl fehlte noch eine klare Erkenntnis über die einzelnen Zusammenhänge, wohl hatte er keine besondere Reue über sein bisheriges Leben, aber er hatte eine Freunde im Herzen, und die ist nicht mehr gewichen. Er hatte seine Gottesstunde erlebt und hat sie nie vergessen.

Die Folgen dieser Stunde sind klassisch: „Seit der Stunde meiner Umkehr wurde ich von meinen Mitstudenten verlacht“, so schreibt Müller selbst. „Es machte mir aber nichts aus, ich ließ mich beleidigen, betete viel, liebte die Brüder, ging in die Kirche und stand auf der Seite des Herrn. Wohl wurde ich noch manchmal von einer Sünde übereilt, aber es kam doch nicht mehr so oft vor wie früher, und wenn es geschah, erfüllte es mein Herz mit Traurigkeit.“

Das sind die rechten Kennzeichen einer biblischen Wiedergeburt: Es tritt Ablehnung, vielleicht sogar Spott von Seiten der Mitmenschen ein. Man hat Freude an Gottes Wort und kann ohne Gemeinschaft nicht mehr leben. Wohl kommen Sünden vor, aber wenn es geschieht, ist sofort echte Reue da, auch wird manche Sünde wirklich überwunden.
Selbstverständlich war diese Gottesstunde nicht das Ende der vielfachen Gotteserfahrungen, die Müller gemacht hat, sondern nur ein erster kleiner Anfang. Er wurde dann von Jahr zu Jahr weiter geführt und ist vielen Menschen, zumal jungen Menschen und auch Kindern, ein rechter Vater geworden. Das Charakteristische seines Lebens war Treue, Glaube, Gebet. Er hat Wunder über Wunder erlebt.

Insbesondere bei der Arbeit mit Waisenkindern in Bristol war es Georg Müllers Anliegen, diese Kinder zunächst mit einem Frühstück zu versorgen. Sodann unterrichtete er sie im Lesen und erzählte ihnen auch biblische Geschichten.
Doch Georg Müller wollte noch mehr tun, so eröffnete er im Jahre 1836 in der Wilson Street ein Waisenhaus. Einen Monat nach der Eröffnung waren 26 Waisen in dem Heim untergebracht. Ein Jahr später hatten Georg und seine Frau Mary drei Waisenhäuser mit insgesamt 96 Waisen zu betreuen. Bald darauf musste ein neues Heim mit mehr Platz gebaut werden. 275 Kinder zogen in dieses neue Heim. Allein durch die Gebete vieler gläubiger Menschen konnten unter Georg Müllers Leitung fünf große Waisenhäuser erbaut werden.

Im Alter von 92 Jahren starb Georg Müller. Er hatte Gott mehr als 60 Jahre lang treu gedient. In dieser Zeit hatte er mit Gottes Hilfe viel Gutes bewirkt.

Oft wurde Georg Müller gefragt, wie es möglich war, dass er so wunderbare Erfahrungen mit Gott machen konnte. Seine Antwort darauf war, in fünf Punkten zusammengefasst, diese :

» völliges Vertrauen auf das Werk und die Mittlerschaft des Herrn Jesus als Grundlage unseres Nahens zu Gott;
» Trennung von jeder bewussten Sünde;
» Glauben an Gottes Verheißungen;
» Bitten aus geistlichen Motiven und nicht aus selbstsüchtigen Motiven, d. h. nach Gottes Willen bitten;
» hartnäckig im Gebet bleiben und nicht aufgeben, geduldig warten.

Quelle: Hans Bruns: Die Gottesstunde
Schriftenmissions-Verlag Gladbeck (vergriffen)
Empfehlungen / Literaturhinweise:
A. Remmers: Gedenket eurer Führer (26 kurze Lebensbilder)
Link www.csv-verlag.de
« .... sondern die Kranken. Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder zur Buße. »

Jesus Christus in Lukas 5

Zitat - Dietrich Bonhoeffer

Dankbarkeit ist demütig genug, sich etwas schenken zu lassen.

Der Stolze nimmt nur, was ihm zukommt. Er weigert sich, ein Geschenk zu empfangen.

Zitat - Corrie ten Boom

Baue keine Treppe von guten Werken,
um den Himmel zu erreichen.

Der Himmel ist weit weg von guten Leuten und nur einen Schritt weg von einem Sünder

Zitat - Matthias Claudius

Es ist nichts groß, was nicht gut ist;
und ist nichts wahr, was nicht bestehet.

 
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