Lebensberichte

Martin Luther (1483-1546)  Luther



LutherEs ist im Jahre 1513 gewesen, wahrscheinlich am Anfang des Jahres. Luther war schon 29 Jahre alt. Da hat er im schwarzen Turm zu Wittenberg seine Gottesstunde erlebt.

Er selbst schreibt darüber: "Ich fühlte, dass ich völlig neu geboren und durch die offene Tür des Paradieses eingetreten war." -
Klarer und freudiger kann man es eigentlich nicht ausdrücken.

Unwillkürlich wird man an die Worte Jesu von der Wiedergeburt erinnert (Joh. 3,3). Das Turmerlebnis Luthers ist nach seinen eigenen Worten die Stunde seiner "Wiedergeburt nach Wasser und Geist" geworden.
Eine Geburt kommt aber nicht zustande ohne Geburtswehen. Sie haben bei Luther lange gedauert. Das Turmerlebnis war nur der Abschluss eines langen inneren Ringens. Wollen wir seine Gottesstunde recht verstehen, müssen wir Jahre zurückgehen und dürfen dann aufs Neue miterleben, wie Gott am Menschen arbeitet und ihn von Stunde zu Stunde weiterführt:

Wann die eigentliche Unruhe bei Luther angefangen hat, wissen wir nicht genau. Meist wird das Gewittererlebnis als der entscheidende Wendepunkt angesehen:
Dass da einer seiner Freunde durch den Blitz neben ihm zu Tode getroffen wurde, habe ihn ins Kloster getrieben. Und dort hätten dann sofort die schwersten inneren Kämpfe begonnen. Aber das ist nicht der Fall.
Der Tod seines Freundes hat ihn wohl erschreckt, hat auch den Entschluss ausgelöst, das Studium abzubrechen und Mönch zu werden. Aber zunächst ist er im Kloster ganz ruhig geworden und hat die ersten beiden Jahre ein stilles Mönchsleben geführt. Als sein Vater ihn zwei Jahre nach dem Eintritt ins Kloster 1507 zum ersten Male besuchte, um bei seiner ersten Messe, die er lesen durfte, dabei zu sein, hat Luther ihm selbst davon erzählt, „wie Gott doch ein geruhsam und göttliches Wesen sei“.

Luther hat sich in der ersten Zeit weithin durch die Lehre und Praxis der katholischen Kirche helfen lassen. Es war das Sakrament, das ihm Trost und alles gab, was er brauchte. Wir dürfen uns also den jungen Mönch wirklich als einen ernsten, aber doch innerlich ruhigen Menschen vorstellen, der meinte, „vom Scheitel bis zu den Füßen heilig zu sein“.
Wie aber nun kam es zu der ernsten Lebensunruhe, von der wir hernach soviel hören? Das hat einen sehr gewichtigen Grund – und es wird sofort klar, warum diese Unruhe bei vielen Menschen in unserer Zeit nicht so auftritt: Luther hatte im Gegensatz zu vielen anderen ein sehr empfindliches Gewissen und einen ungewöhnlich lebendigen Wahrheitssinn. Er nahm es mit allem, was er hörte, sehr genau, er durchlebte und durchlitt alles, was er tat und dachte. Luther hat sich je länger umso mehr stärker selbst beobachtet und stellte fest:

Ich soll durch die Lehre und die Übungen ein neuer Mensch werden und werde es doch nicht. Auch durch die Messe, auch durch alles Kasteien und Fasten bekomme ich doch das nicht, was ich ersehne, die Liebe zu Gott und den Menschen, den inneren Frieden und die wahre Ruhe.“ Dabei nun suchte Luther immer wieder den Fehler in sich selbst. Und das war gut und richtig. Er prüfte sich, ob er sich auch richtig auf die Beichte vorbereitet habe, ob er es ernst genug genommen hätte, als er ins Kloster ging. „Im Kloster dachte ich nicht an Geld, Gut und Weib, sondern mein Herz zitterte und zappelte, WIE GOTT MIR GNÄDIG WÜRDE.“ Hier sehen wir den Klosterbruder, der sich innerlich quält und keinen Frieden finden kann: „Wahr ist es, ein frommer Mönch bin ich gewesen, ich darf es sagen: wenn je ein Mönch durch Möncherei zum Himmel gekommen ist, so wollte ich auch hineingekommen sein. Ich hätte mich, wo es länger gewährt hätte, zu Tode gemartert mit Wachen, Beten, Lesen und anderen Arbeiten.“

Es half alles nichts. Zuletzt war Luther so verzweifelt, dass er nur noch einen Gedanken fassen konnte: Ich bin von Gott verworfen. Es wird sogar erzählt, daß Luther eines Tages beim Gottesdienst zusammengebrochen ist. Es wurde das Evangelium von dem besessenen taubstummen Knaben vorgelesen, der von den Jüngern nicht geheilt werden konnte. Da hat er ausgerufen: „Ich bin es nicht, ich bin es nicht!“

Das war das Ende. Er meinte erkannt zu haben, dass er nicht von Gott erwählt sei, Gott wolle ihn nicht haben.

In dieser Not hat ihm nun ein Mann geholfen, dessen Einfluss auf ihn kaum zu hoch eingeschätzt werden kann: Staupitz.

Nicht alles, was dieser Mann ihm gesagt hat, ist für ihn von Bedeutung gewesen. Manchmal hat er den jungen Mönch kaum recht verstanden. Und doch: Luther selbst hat 1542 in einem Brief an den Grafen von Mannsfeld ausgesprochen:„Wo mir nicht Staupitz oder vielmehr Gott durch Staupitz ausgeholfen hätte, ich wäre ersoffen und längst in der Hölle.“

Was hat Staupitz ihm gesagt?
Einmal hat er ihm seelsorgerlich angedeutet, dass wohl gerade er solche inneren Anfechtungen nötig habe, weil sonst bei ihm nichts gut werden würde, vor allem aber hat er ihm eines erklärt: Wenn Gott einmal an einem Menschen begonnen hat zu arbeiten, dann soll und darf er mit voller Gewissheit glauben und festhalten, er werde die Arbeit vollenden. Dafür sei er der allmächtige Gott. Er solle darum jedes Spekulieren über Gott fahren lassen: „Hebe an mit den Wunden Christi, dann sind alle Erörterungen über die Prädestination (Vorherbestimmung) erledigt.“
Das hat bei Luther durchgeschlagen. Das hat ihm geholfen. In seiner Römerbriefvorlesung finden wir später die überraschende Bemerkung: „Wenn jemand fürchtet, er sei nicht erwählt, oder Versuchungen erleidet wegen seiner Erwählung, so sage er deswegen Dank und freue sich, dass er sich fürchtet.“ Luther hatte also erfasst, dass gerade Anfechtungen ein Zeichen wahren inneren Lebens sind und der beste Beweis dafür, dass Gott den Menschen nicht verworfen hat. Er hat darum auch später jede Überlegung über den ewigen Ratschluss Gottes, ob er die einen zur Seligkeit oder die anderen zur Verdammnis bestimmt habe, grundsätzlich zurückgewiesen und sich einfach daran gehalten: Wenn Gott an mir arbeitet, dann will ich froh sein, dass ich zu ihm gehöre und er mich haben will.

Es ist bekannt, dass Luther in seiner Vorrede zum Band I der Gesamtausgabe seiner lateinischen Schriften im Jahre 1545 eine Art Selbstbiographie begonnen hat. Hier spricht auch er von dem Erlebnis im schwarzen Turm zu Wittenberg und welche Freude das in ihm ausgelöst habe. Es ging damals Luther vor allem darum, Römer 1,17 zu verstehen, was da eigentlich mit der Gerechtigkeit Gottes gemeint sei, von der da die Rede ist. Am besten, wir lassen ihn selbst erzählen:
„Ich haßte das Wort Gerechtigkeit Gottes, weil ich durch Brauch und Gewohnheit aller Lehrer gewiesen war, es philosophisch zu deuten von der so genannten formalen oder aktiven Gerechtigkeit, kraft welcher Gott gerecht ist und die Sünder und Gerechten bestraft.
Ich raste so in einem wilden und wirren Gewissen, klopfte aber dennoch stürmisch eben an jener Stelle bei Paulus an, voll heißen Durstes zu wissen, was Sankt Paulus meinte ... bis sich Gott meiner erbarmte und ich in unablässigem Sinnen, Tage und Nächte hindurch auf den Zusammenhang der Worte aufmerksam wurde, nämlich: Gottes Gerechtigkeit wird in ihm offenbart, wie geschrieben steht: Der Gerechte lebt aus Glauben. Da fing ich an, hier die Gerechtigkeit Gottes als die Gerechtigkeit zu begreifen, in der der Gerechte durch Gottes geschenkte Gnade lebt, nämlich aus dem Glauben, und das dies die Meinung sei: offenbart wird durch das Evangelium die Gerechtigkeit Gottes, nämlich die passive, durch die Gott als Barmherziger uns gerecht macht durch Glauben, wie geschrieben steht: Der Gerechte hat sein Leben aus Glauben. Alsbald fühlte ich, dass ich völlig neu geboren und durch offene Tore in Paradies eingetreten war. Nun zeigte mir sofort die ganze Schrift ein anderes Antlitz. Ich durchflog sie hierauf, wie ich sie im Gedächtnis hatte, und sammelte auch die Analogien anderer Worte, wie z.B. Werk Gottes heißt, was Gott an uns wirkt, Kraft Gottes ist die, durch welche er uns stark macht, weiter „Stärke Gottes“, „Heil Gottes“, „Ruhm Gottes“.

Hatte ich vorher das Wort „Gerechtigkeit Gottes“ mit großem Haß verfolgt, mit ebenso großer Liebe begann ich es nun als das Süßeste zu preisen, was es für mich geben könne. So war jene Stelle bei Paulus für mich in Wahrheit die Pforte des Paradieses.“ –

Wir wissen, dass Luther schon früher durch einen kleinen Psalmvers stutzig geworden war, ob nicht die Gerechtigkeit Gottes anders zu verstehen sei, als sie meist verstanden wurde. Psalm 31,2: „Errette mich durch deine Gerechtigkeit“ ... Das kleine “D“ hat Luther überrascht und befreit, er hat schon damals geahnt, dass doch nicht die Gerechtigkeit gemeint sei, die wir Menschen haben oder erwerben müssen, um froh zu sein, sondern die Gerechtigkeit Gottes, das heißt, die GNADE, die UNS GESCHENKT wird.

In der Gottesstunde im Turm zu Wittenberg aber ist ihm diese Erkenntnis tiefer ins Herz gefallen und hat ihn dann nicht wieder losgelassen. Er konnte nun glauben und fassen, was schon Staupitz gesagt und bezeugt hatte: Gott ist in Christus da, wir brauchen nur seine Wunden, das heißt, sein Leiden und Sterben anzuschauen und haben damit in ihm Gerechtigkeit und Freude. Darum können wir in allen Anfechtungen getrost und ruhig sein.
Ein moderner Luther-Forscher hat bei Luther gerade die seelsorgerliche Linie als die entscheidende herausgestellt und betont: Calvin hat eine Institutio geschrieben, also eine Art Dogmatik, er hat eine systematische Darstellung der Glaubenslehre gegeben. Das aber hat gerade Luther nie getan. Er war und bleibt der Seelsorger, und zwar auf Grund eigenen Erlebens.
Darum habe er bisweilen scharf zugespitzte Einseitigkeiten gesagt, aber man müsse sie seelsorgerlich verstehen. Sie seien immer für einen bestimmten Fall und für einen einzelnen Menschen gedacht. Unter den vielen Wahrheiten, die wir da finden, ist diese eine besonders auffallende: Anfechtungen gehören zum Christenstand dazu.
Ein Christ kann eigentlich nicht ohne Anfechtung sein! Gerade, wenn er Anfechtungen hat, soll er getrost sein, dass Gott ihn noch nicht aufgegeben hat, sondern an ihm arbeitet und ihn weiterführen will. Gott ist vielfach der verborgene Gott, der immer neu entdeckt werden will, aber er ist doch der Gott der Liebe, der uns eine tiefe Freude ins Herz hinein schenken möchte.

DAS ist das Erleben Luthers im Kloster gewesen. So ist es auch geblieben. Darum wurde er der Reformator Deutschlands, ja der Welt!

Das alles umschließt auch die Gottesstunde im Turm zu Wittenberg:
Er hatte Anfechtungen, aber er erfuhr auch die Freude im Herzen durch den Blick auf die Gerechtigkeit Gottes in Christus. Das hat er festgehalten und immer neu bezeugt. Das ist und bleibt der Grundklang der reformatorischen Botschaft auch in unserer Zeit mit ihren mannigfachen Glaubensanfechtungen: GOTT in CHRISTUS ist allein unser Trost.

Sola Gratia - Sola Fide - Solus Christo - Sola Scriptura

  1. Sola Fide (allein durch Glaube)
  2. Sola Scriptura (allein durch die Schrift)
  3. Solus Christus (allein Christus)
  4. Sola Gratia (allein aus Gnade)

Quelle: Hans Bruns: Die Gottesstunde
Schriftenmissions-Verlag Gladbeck (vergriffen).
Empfehlung / Literaturhinweis:
Jörg Erbs: Martin Luther
Link www.csv-verlag.de





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«Wenn Jesus heute wiederkommt: bist Du bereit? »


Die Bibel



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