Lebensberichte

Ich kann nicht mehr an einen Gott glauben ...!

Das innere Ohr

Die junge Frau schüttelte energisch den Kopf:

„Nein, Vater“, sagte Sie, „ich kann nicht mehr an einen Gott glauben. Ich sehe nirgendwo einen Unterschied zwischen Christen und Nichtchristen. Als der große Krieg mit all seinem Leid über uns hereinbrach, als wir bang und verängstigt in den Kellern hockten, befiel uns alle die gleiche Furcht. Niemand war da, der sich nicht gefürchtet hätte. Keinem gab der christliche Glaube so viel Kraft, dass er sich als ein furchtloser Christ bewiesen hätte.“

Der alte Mann sah wie traumverloren auf den nahen Kirchturm. Es schien, als hätte er überhaupt nicht zugehört. Endlich wandte er den Kopf und fragte: „Es steht geschrieben: ,In der Welt habt ihr Angst..‘.“ Dann schwieg er wieder.

Die Tochter wartete eine Weile, ob er noch etwas hinzufügen werde. Als er aber nur unverwandt hinaussah, ging sie einen Schritt auf ihn zu und fragte:

„Wie kannst du wissen, ob du nicht dein Leben lang einem Trugbild, einem überhaupt nicht existierenden Gott gedient hast? Du glaubst, obwohl du nichts siehst, nichts hörst und nichts fühlst, Vater. Du glaubst, obwohl der vermeintliche Gott niemals einen Beweis Seiner Zuneigung gibt. Wie - wenn du deine Hoffnung auf ein Nichts gesetzt, deine Gebete in den Wind gesprochen hättest?“

„Nicht so stürmisch, Kind! Die Jugend will Beweise. In ihrer Ungeduld nimmt sie das walten Gottes ebenso wenig wahr wie ihre eigene Hilfslosigkeit.“

Die junge Frau nestelte an ihrer Jacke und sah nun ebenfalls zum Turm hinüber, in dem die Glocken zu läuten anhoben. Sie ärgerte sich über die kurzen Worte des Vaters. „Sprich doch weiter!“ hätte sie ihn anschreien können. Sie beherrschte sich aber und fragte nur, ob er nicht etwas ausführlicher sprechen möchte.

„Das will ich“, sagte er und lud sie zum Sitzen ein. „Sieh, Kind“, fing er an, „Christus hat gesagt: ‘Wer Ohren hat …!‘ Wer hat aber Ohren, um zu hören, wer Augen, um zu sehen?“

Und dann schwieg er wieder. Nach einer Pause fuhr er fort: „Du weißt schon, dass es hier nicht um die äußeren Ohren geht. Die kann man haben und doch nichts vernehmen. Es gibt ein inneres Ohr und ein inneres Auge, und damit sieht man erst das Eigentliche. Solange man das i n n e r e Auge und Ohr nicht hat, ist man bei aller Intelligenz blind und taub, mögen auch die Sinne noch so scharf sein.“

Die junge Frau sah ihren Vater spöttisch an. Er ist nicht der einzige, der mit ihr über diese Dinge spricht. Im Grunde redet auch er nur nach, was er in der Kirche dort drüben gehört hat. Es ist schon so, was sie immer gedacht hat: Die sogenannten „Gläubigen“ sind alberne Wichtigtuer. Um sich der Lächerlichkeit und dem Spott zu entziehen, täuschen sie einen inneren Besitz, eine innere Fähigkeit vor, deren Vorhandensein weder bewiesen noch geleugnet werden kann.

„Vater“, fragte sie, und es klang scharf und schneidend, „Vater, ich will dir was sagen. So oft man einem Christen auf den Zahn fühlt, begibt er sich auf ein Gebiet, in dem die Vernunft nichts mehr gilt. Du hast selbstverständlich das innere Auge, das innere Ohr, nicht wahr? Aber dann beweise es mir doch!“

„Wie soll ich das beweisen?“ fragte der Vater. „Ich weiß, dass ich es habe, denn ich habe es mir erbeten.“

Die junge Frau blickte verzweifelt umher. ‚Ich darf ihn nicht beleidigen’, dachte sie. Und dann verriet sie sich mit dem hastig hervorgestoßenen Worten:
„Bist du den nur für dich da? Wenn es wirklich ein innere Ohr und Auge gibt, wenn wirklich ein Gott ist – ist Er dann nur für dich da? Vater, du bist ein Egoist!“

Der alte Mann blieb seelenruhig. Langsam legte er seine Hand auf ihren Scheitel und fragte nur: „Möchtest du dich jetzt nicht einmal ausweinen können?“

Kaum hatte er diese Worte gesprochen, da ließ die Tochter den Kopf auf den Tisch sinken und weinte, weinte wie ein Kind in den Armen der Mutter.

Der Vater schloß für wenige Minuten die Augen und sandte einen Seufzer hinauf zum Thron der Liebe und Gnade.

‚Armes Kind’, mußte er denken. ‚Man hat dir viel angetan, deine Nächte sind mit Qualen und bösen Träumen ausgefüllt. Nun frißt dich der Hass , nun treibt dich die innere Unruhe umher. Du suchst Beweise und bist selber ein Beweis der suchenden Gottesliebe. Der dich so ruhelos sein läßt, der dir die schweren schlaflosen Nächte schickt – wer ist es anders als dein Retter?’

„Vater“, sagte die Frau jetzt mit leiser Stimme, „Vater, halt mir meine Not zugut. Du, Vater, hast ein inneres Ohr und Auge!“

„Kind“, sprach da gütig der reife Mann mit zitternder Stimme, „Kind, du bist dem Heiland nahe, und Er ist dir nahe. Dein Fragen, was ist es anders denn ein Schrei nach Ihm, gleichgültig, ob du das weißt oder nicht. – Nicht wahr, du willst nun keine Beweise mehr?“
Sie schüttelte stumm den Kopf und sah wieder hinaus auf den Kirchturm, während der Vater an den alten Schrank trat, um ihm einen Brief zu entnehmen.

Ruhig kam er an den Tisch zurück, faltete das Schreiben auseinander und sagte:
„Du mußt jetzt einmal gut zuhören, Kind. Ich will versuchen, dir zwei Menschen zu zeigen, von denen der eine die innere Stimme kennt. Laß mich zunächst sagen, dass sie beide viel durchmachen mußten.

Der erste stammt aus dem Osten. Im Kriege war er Offizier. Als er die Katastrophe hereinbrechen sah, schrieb er seinen Eltern aus Ungarn, wo er als Soldat war, sie sollten ihre Wertgegenstände mitnehmen und in den Westen fliehen. Aber der Brief – wie auch alle später – traf taube Ohren. Die Eltern hatten große Besitzungen, von denen sie sich nicht trennen konnten. Sie unterschätzten wohl auch die Gefahr. Als der Sohn nach Kriegsende heimkam, sagte ihm ein in der Gegend verbliebener Bauer: ‚Es nutzt ja nichts, einmal müßen Sie es doch erfahren. Ihre Eltern sind tot. Ihre Mutter wurde geschändet, der Vater wollte ihr beispringen ... und da wurden sie beide erschlagen.’ Seitdem der junge Mann das weiß, treibt ihn die Rache ruhelos umher. Vor einiger Zeit sagte er mir wörtlich: ‚Wenn es noch einmal Krieg gibt`, - und man meint fast, er warte darauf – ‚werde ich Gelegenheit nehmen, meine Eltern zu rächen. Ich werde dann jeden Polen und Russen, der mir in die Hände fällt, und zwar ganz gleich, ob Mann oder Weib, ob Kind oder Greis, umbringen.’ Soweit der erste der beiden, der keinem Gedanken zugänglich ist, der nicht aus dem Rachegefühl kommt.

Der zweite ist noch schwerer geprüft worden. Er hat diesen Brief geschrieben, aus dem ich dir jetzt einiges vorlese. Gib Acht!
`... Mein Vater heiratete vor mehr als sechzig Jahren eine Jüdin, die zum christlichen Glauben gefunden hatte. Mein Großvater war evangelischer Pastor in Württemberg. Ich wollte einmal Missionar werden. Vom Judentum und seiner Lehre wußten wir nichts. Trotzdem mußten wir den Judenstern tragen, und mich selber traf das Geschick, schon bald in ein Konzentrationslager zu kommen. Durch Messerstiche in die Seite, Faustschläge ins Gesicht und andere Mißhandlungen wurde meine Gesundheit schwer erschüttert.
Nach einer abenteuerlichen Flucht fand ich als Missionar in Schanghai Verwendung. Dort wurde ich 1940 vom deutschen Konsulat durch Verfügung laut Reichsgesetzblatt von 1939 ausgebürgert und bin seitdem Staatenloser ... Was wir in Schanghai mitgemacht haben, läßt sich mit wenigen Worten kaum sagen. Besonders betrüblich ist es dabei, dass wir nicht geringe Schikanen von deutschen nationalsozialistischen Missionaren zu erdulden hatten, deren Söhne den Ehrendolch trugen.

Nach unsäglichen Mühen gelang es uns endlich, in dieses schöne Land (Schweiz) zu kommen.
Aber was mußte ich hier erfahren? Meine arme alte Mutter(achtundsiebzigjährig) und alle meine Verwandten, dreizehn Menschen an der Zahl, waren in Auschwitz vergast und eingeäschert worden. Warum? Alles jüdische Blut sollte vernichtet werden. - -

Gott gebietet uns, unseren Schuldigern zu vergeben, und ich habe mich mit Seiner Hilfe hierzu durchgerungen.
Aber vergessen? All das zu vergessen, ist beinahe zu viel für einen Menschen. Ich bin nun in diesem gastfreundlichen, schönen Lande, aber all die anderen, wo sind sie? Immer wieder erscheinen sie mir in meinen Träumen ... Doch wir müßen vergeben, denn Er hat uns auch alle unsere Schuld vergeben.“

Hier machte der Vater eine lange Pause. Dann faltete er den Brief wieder zusammen und legte ihn in den Schrank zurück.

„Dieser Brief ist mir teuer wie ein wertvolles Andenken“, sagte er. „Ob Du wohl ahnst, warum ich ihn gerade dir vorgelesen habe? Du meintest ja im Anfang, der christliche Glaube gebe keine Kraft ... Mein Kind, bitte Gott um das innere Ohr. Und wenn Er es dir geschenkt hat, dann schließe ich den Schrank wieder auf und gebe dir den Brief. Ich glaube, er hat dir ebensoviel zu sagen, wie er mir gesagt hat.“
Die junge Frau machte keine Anstalten, sich zu erheben. Was für Gedanken mochten durch ihren Kopf gehen!
Endlich faßte sie des Vaters Hand.

„Vater“, sagte sie, „ ich war vorlaut und dumm. Ich bitte dich, vergiß es. Und, Vater, ich glaube jetzt an das innere Ohr. Als ich heute früh aufwachte, faßte ich einen entsetzlichen Entschluß, weil ich alles so sinnlos fand. Da hieß es in mir: ‚Geh zu deinem Vater!’ Ich hatte das innere Ohr. Es war mir geschenkt worden, aber ... ich wußte es noch nicht. Auf Wiedersehen, Vater!“ „Halt“, sagte der Vater, „noch eins. Du hast etwas geschenkt bekommen. – Vergiß das Danken nicht!“

W. Morsbach – entnommen aus:
Samenkörner/Evangeliumsschrift,
Heft 624, Januar 1950
« .... sondern die Kranken. Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder zur Buße. »

Jesus Christus in Lukas 5

Zitat - Dietrich Bonhoeffer

Dankbarkeit ist demütig genug, sich etwas schenken zu lassen.

Der Stolze nimmt nur, was ihm zukommt. Er weigert sich, ein Geschenk zu empfangen.

Zitat - Corrie ten Boom

Baue keine Treppe von guten Werken,
um den Himmel zu erreichen.

Der Himmel ist weit weg von guten Leuten und nur einen Schritt weg von einem Sünder

Zitat - Matthias Claudius

Es ist nichts groß, was nicht gut ist;
und ist nichts wahr, was nicht bestehet.

 
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